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Prostatakrebs : Wait and see - die bessere Strategie?

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Hautkrebszellen auf dem Monitor des Pathologen. Bild: dpa

Früherkennung beim Prostatakrebs ist besonders schwierig. Und eine Wucherung in der Vorsteherdrüse von den Ärzten oft schwer einzuschätzen. Zwei erfahrene Urologen plädieren dafür, abwartend zu agieren und im Zweifel die Lebensqualität der Männer zu erhalten. Mittel und Wege dafür gibt es.

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          Die Heilungschancen beim Prostatakarzinom durch eine differenzierte Diagnostik und Therapie sind heute dank richtungweisender Erkenntnisse in der Forschung groß. Mit der klinischen Verfügbarkeit des Tumormarkers PSA (Prostataspezifisches Antigen) besteht die Vorsorge in Bestimmung des PSA-Werts im Serum, der rektaldigitalen Untersuchung der Prostata und dem transrektalen Ultraschall. Eine Biopsie ist bereits angezeigt bei alleinigem PSA-Wert ab 4 Nanogramm pro Milliliter. In etwa einem Viertel der Fälle lässt sich ein Karzinom nachweisen. Dann liegt in bis zu neunzig Prozent ein lokal begrenztes, heilbares Karzinom im frühen Stadium vor. Es wird schon nachgewiesen, wenn es beschwerdefrei und asymptomatisch, noch nicht zu tasten und in der Sonographie noch nicht sichtbar ist.

          Dieses Frühkarzinom ist durch Radikaloperation oder Strahlentherapie zuverlässig heilbar. Die Diagnose Prostatakrebs ist also keine Schreckensdiagnose mehr. Trotzdem kamen früh Bedenken zur Sinnhaftigkeit des aktiven Behandelns auf. Es stellte sich mehr und mehr die Frage: Muss jedes Prostatakarzinom in seiner frühen Phase aktiv und sofort behandelt werden? Ist die frühe Diagnose wirklich immer von Vorteil? Erfolgt nicht häufig eine Übertherapie zum Nachteil des Patienten?

          46 Prozent benötigen keinen Eingriff

          Ausgiebige Studien aus Europa und Amerika konnten zeigen, dass 46 Prozent aller Tumoren, die durch die Früherkennungsuntersuchung entdeckt werden, keiner oder einer nicht sofort einsetzenden Behandlung bedürfen. Dieses aktuell inaktive, nicht symptomatische Karzinom mit geringer Wachstumstendenz wird insignifikantes Karzinom genannt. Es lässt sich sicher im Gesunden entfernen oder komplett zerstören. Aus operativer Sicht liegt auch eine Heilung vor. Doch diese Männer wären unbehandelt vermutlich nicht am Krebs gestorben. Sie hätten dafür bis zum Tod therapiebedingt einen Teil ihrer Lebensqualität, Kontinenz und Potenz eingebüßt.

          Die Therapie bei einem insignifikanten Karzinom ist bei einer Lebensaussicht von mehr als zehn Jahren „Active Surveillance“ - die aktive Überwachung des Tumorverhaltens durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Die Einschlusskriterien sind präzise definiert. Das Karzinom muss klein und auf das Organ begrenzt sein. Lymphknoten- oder Fernmetastasen dürfen nicht vorliegen. Der im Serum gemessene PSA-Wert muss unter 10 ng/ml liegen. Der Grad der Bösartigkeit darf den Gleason-Score-Wert (siehe unten) von 6 nicht überschreiten. Bei Zunahme der Bösartigkeit, Nachweis eines PC-Progresses ist die Operation oder Strahlentherapie allerdings zwingend.

          Operationsroboter am Klinikum in Frankfurt am Main werden für Prostata-Operationen eingesetzt.
          Operationsroboter am Klinikum in Frankfurt am Main werden für Prostata-Operationen eingesetzt. : Bild: dapd

          Die Therapieentscheidung Active Surveillance ist ungewöhnlich in der üblichen Krebsbehandlung,ist aber der Überzeugung nach beim Prostatakarzinom sinnvoll.. Die Festlegung der Therapieentscheidung in „mehr als 10 Jahren“ ist gut begründet. Denn das PC zeigt anders als viele andere Karzinome eine langsame Wachstumstendenz. Der natürliche Verlauf des Prostatakarzinoms vom Zeitpunkt seiner Entstehung bis zum Tod des Patienten wird unbehandelt im Mittel mit 15 Jahren kalkuliert. Viele Patienten mit nicht aggressivem, inaktivem Karzinom benötigen deshalb zeitlebens keine Therapie und sterben an anderen Todesursachen. Bei Männern mit einer Lebenserwartung von weniger als zehn Jahren ist die „Wait and see“-Strategie - das beobachtende Abwarten - ohne jegliche Therapie und Kontrolle sinnvoll. Eine palliative, medikamentöse, meist hormonelle Behandlung erfolgt erst bei Beschwerden.

          Bei den verbleibenden 50 Prozent der Männer, die nicht der Gruppe mit insignifikantem Karzinom zugerechnet werden dürfen, liegt ein aktiver, aggressiv wachsender Tumor mit hoher onkologischer Bösartigkeit vor. Dieser muss umgehend radikal operiert oder bestrahlt werden. Als Therapiefolgen ist in 5 bis 15 Prozent mit Inkontinenz und/oder Impotenz zu rechnen. Dieses Risiko muss in Kauf genommen werden. Denn das Ziel der Behandlung ist die Heilung. Unbehandelt führt der Krebs bei jungen Männern zum Tod.

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