https://www.faz.net/-1v0-7hckh

: Postmoderner Lukrez

  • Aktualisiert am

Es ist noch nicht lange her, dass Stephen Greenblatt dem epikureischen Freigeist Lukrez und seinem formschönen Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ ein

          4 Min.

          Es ist noch nicht lange her, dass Stephen Greenblatt dem epikureischen Freigeist Lukrez und seinem formschönen Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ ein Denkmal gesetzt hat: In seiner vielbeachteten Studie „Die Wende“ spürt Greenblatt den Bedingungen der Möglichkeit nach, wie ein häretisches Buch, in dem nicht nur die Welt, sondern auch die Götter entzaubert werden, in Zeiten eines dogmatisch verengten Christentums überhaupt tradiert werden konnte (F.A.Z. vom 22. Mai). Nach seiner Wiederentdeckung durch den Humanisten Poggio Bracciolini wurde das Werk des Lukrez noch lange Zeit misstrauisch beäugt. Zwar hat man es als philosophisches Dokument und literarisches Zeugnis zunehmend gewürdigt; richtig gezündet hat es aber erst im zwanzigsten Jahrhundert, als man seine intellektuellen und ästhetischen Abgründe gegen positivistische Lehren in Stellung zu bringen wusste.

          So mancher postmoderne Denker ist der verführerischen Kraft des Atomismus erlegen, in dessen pluralistischer Ausrichtung man einen Weg sah, der Widersprüchlichkeit der Welt zu begegnen. Vor allem Gilles Deleuze hat die geistige Sprengkraft des Lukrezgedichts offengelegt. Infolge dieses Verdienstes prophezeite ihm kein Geringerer als Michel Foucault einen ganz besonderen Ruhm: Weil er, Deleuze, die „Phantasmaphysik“ des Lukrez wiederbelebt habe, werde das zwanzigste Jahrhundert eines Tages das Zeitalter des Gilles Deleuze genannt werden. Es ist also jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, an der Zeit, das denkerische Potential in Deleuze’ Lukrez-Lektüre einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen (Brooke Holmes, „Deleuze, Lucretius, and the Simulacrum of Naturalism“, in: Dynamic Reading. Studies in the Reception of Epicureanism. Hrsg. von Brooke Holmes und Wilson H. Shearin, Oxford University Press 2012).

          Brooke Holmes richtet ihr Augenmerk auf Deleuze’ Lektürepraxis, um herauszufinden, was wir aus ihr in methodischer und philosophischer Hinsicht lernen könnten. Schon die Auswahl der Texte, mit denen sich Deleuze befasste, dokumentiert demnach eine philosophische Praxis mit programmatischem Anspruch: einen Anti-Kanon habe Deleuze schaffen wollen, der vor allem gegen die Dominanz des Platonismus in der abendländischen Philosophie gerichtet sein sollte. Erklärtes Ziel war es, die Zukunft der Philosophie durch Relektüren der Vergangenheit zu radikalisieren. Der als unkonventionell gedeutete Epikureismus lukrezischer Prägung fungiert hier als eine Art Katalysator der Moderne.

          Das kann Holmes am Beispiel von Deleuze’ Aufsatz „Lukrez und das Trugbild“ zeigen. Die Diagnose von Vielfalt und Verschiedenheit ist es, die Deleuze an dem römischen Text reizt: Diese Vielfalt wohnt schon dem theoretischen Grundbaustein selbst, dem Atom, inne, insofern es unendlich viele Kombinationen eingehen kann. So kommt in der Atomlehre des Lukrez, wie Deleuze sie deutet, eine Naturauffassung zustande, die sich allen Vereinheitlichungsversuchen entzieht. Die „eine“ Welt oder das „eine“ Universum gibt es hier nicht. Vorstellungen von Identität werden verabschiedet: Wo traditionelle Lehren mit Widersprüchen argumentieren, operiert der Atomismus mit Ähnlichkeiten und Unterschieden. Die Natur organisiert sich distributiv.

          Topmeldungen