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: Zahl und Sinn

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Allerorten herrschen Zahlen: Schulen und Hochschulen stehen unter der Maßgabe von Absolventen- und Studierendenquoten, die Qualität wissenschaftlicher Forschung wird nach eingeworbenen Drittmittelsummen oder Zitationsindizes bemessen, ...

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          Allerorten herrschen Zahlen: Schulen und Hochschulen stehen unter der Maßgabe von Absolventen- und Studierendenquoten, die Qualität wissenschaftlicher Forschung wird nach eingeworbenen Drittmittelsummen oder Zitationsindizes bemessen, und regelmäßig versetzen OECD-Statistiken - Pisa vorneweg - die deutsche Öffentlichkeit in panikartige Aufregung. Demoskopische Erhebungen bestimmen die inhaltliche Ausrichtung der Politik, die Klimapolitik folgt weltweit dem Zwei-Grad-Ziel, und der Arzt behandelt nach Fallpauschalen.

          Quantifizierende und modellorientiert-deduktive Formen des Denkens haben so sehr die Vorherrschaft gewonnen, dass qualifizierende und erfahrungsorientierte Begründungen kaum mehr durchzudringen vermögen. Im Zuge der Bologna-Reformen endete das Nachdenken über eine sinnvolle Gestaltung der ohnehin stark regulierten Studiengänge an der ministeriellen Vorgabe, dass die Zahl der "credit points", die sich nach der angenommenen studentischen "workload" pro Lehrveranstaltung bemisst, in jedem Semester exakt gleich hoch liegen müsse.

          Wie konnte es dazu kommen? Drei übergreifende Entwicklungen scheinen sich miteinander verbunden zu haben: Digitalisierung und Globalisierung auf technologisch-ökonomischer Ebene zum Ersten, zweitens die Folgen der Postmoderne auf der Ebene von Politik und Kultur und schließlich der Prozess einer voranschreitenden Bürokratisierung und sozialstaatlichen Regulierung. Daraus ging eine

          "Innovationstechnokratie" hervor, in der überdies vormalige ideologische Gegensätze zusammenfanden.

          Seitdem der technische Fortschritt die Menschheit mit Eisen und Stahl, Elektrizität und Chemie in ein neues Zeitalter katapultiert hat und sich die modernen Natur- und Ingenieurwissenschaften ausgebildet haben, steht die technische Moderne unter dem Paradigma der Machbarkeit. Und da sie auf regelhaften Wirkungsverhältnissen beruht, arbeitet sie mit rationalistisch-quantifizierenden Argumentationsweisen.

          Mit der mikroelektronischen Revolution und der Digitalisierung hat diese Entwicklung seit etwa einer Generation eine neue Stufe erreicht. Neue Dimensionen von Datenverarbeitungskapazitäten und Möglichkeiten des Informationsflusses über jeden Raum hinweg in Echtzeit veränderten die Welt - von der elektronischen Kommunikation über die Transaktionspotentiale des computergestützten Handels bis zu neuen Rekorden der Statik und der Baukunst durch Computer Aided Design.

          Die Informatisierung hat neue Dimensionen einer digitalen Be-Rechenbarkeit der Welt eröffnet. Dadurch wurde sie zugleich kulturprägend. Die siebziger und die frühen achtziger Jahre waren von den Krisenerfahrungen an den "Grenzen des Wachstums" und der Zukunftsangst vor Waldsterben und Atomtod bestimmt. Anschließend verbreitete sich ein neuer Optimismus im Zeichen von Informationstechnologie, "new economy" und neuen Medien.

          Dieser Umschwung war eng verbunden mit der Dynamik der Wirtschaft. In den achtziger Jahren setzte eine Entwicklung ein, die zunächst noch als "Internationalisierung" bezeichnet und nach 1990 "Globalisierung" genannt wurde. Im Vertrauen auf die Kräfte eines möglichst freien Marktes wurde sie politisch maßgeblich von den "Reagonomics" in den Vereinigten Staaten und vom britischen "Thatcherismus" vorangetrieben. Die Liberalisierung der Finanzmärkte wurde indes in den achtziger Jahren nicht zuletzt von der Europäischen Gemeinschaft befördert. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und mit der mikroelektronischen Revolution erhielt sie einen neuen Schub, als der Antipode des westlichen Kapitalismus zusammenbrach.

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