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: Vom "Haubinder Judenkrach" über die Odenwaldschule

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Im November 1902 sprach der 1872 in Hannover geborene Arzt, Pädagoge und Philosoph Theodor Lessing vor dem Münchener Bezirkslehrerverein und dem Verein für Fraueninteressen über seine Erfahrungen in den Landerziehungsheimen von Haubinda ...

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          Im November 1902 sprach der 1872 in Hannover geborene Arzt, Pädagoge und Philosoph Theodor Lessing vor dem Münchener Bezirkslehrerverein und dem Verein für Fraueninteressen über seine Erfahrungen in den Landerziehungsheimen von Haubinda bei Meiningen (1901 bis 1903) und Laubegast bei Dresden (1904/05). In den Aufsätzen über die "Deutsche Schulreform" (1902) und die "Landerziehungsheimbewegung" (1908) erweist sich Lessing als kritischer Anhänger der Reformpädagogik, die er als Teil der gesamten Lebensreformbewegung betrachtet. Er plädiert für eine Entprovinzialisierung der Schulreformdebatte und verweist auf Erfahrungen aus dem Ausland, vor allem auf die Vereinigten Staaten, England, Frankreich und die Schweiz.

          Lessing erblickte in den Landerziehungsheimen einen unerschöpflichen Born origineller pädagogischer Ideen und struktureller Lösungsbeiträge. Mit Franz Hilker, seinem Mitstreiter ab 1920 im "Bund Entschiedener Schulreformer", der von 1950 bis 1967 die deutsche Sektion des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung leitete, forderte Lessing 1924 in dem Sammelband über die "Deutschen Schulversuche" die Reformation der Schule an Haupt und Gliedern. Dabei übersah Lessing die subtilen Schwierigkeiten der Praxis bei den Schulversuchen keinesfalls, auch wenn sich, wie Lessing notiert, unter dem "Schülermaterial" "beste Namen des gesamten Deutschlands befinden". Leider enthüllt Lessing nicht, wer in Haubinda an seinem Unterricht in Philosophie, Literatur und Mathematik teilnahm, wer sich an den Debattierabenden, den freien Vorträgen an Sonntagabenden beteiligte oder sich mit ihm im Juli/August 1903 auf die "Nordlandreise" begab. War es Walter Benjamin, der im Sommer 1902 eine Pfingstreise von Haubinda aus unternahm und 1905/06 ein Schuljahr dort verbrachte?

          Als Mängel der Landerziehungsheimbewegung erkannte Lessing den "Synkretismus der allermannigfachsten Ideen" als Kinderkrankheit jedes Schulversuchs, aber auch die "Vertrustung" eines Systems, die nur durch die Verstaatlichung der Privatschulen aufzuheben sei, um ökonomisch benachteiligten Schichten den Zugang zur Reformschule zu ermöglichen, und schließlich die "antikulturelle Rustizität". Gegen die "Pädagogik der Kulturflucht und Kulturangst", gegen die antimodernen Vertreter der "Deutschen Bewegung" (Herman Nohl) setzte Lessing auf eine Orientierung des Schulunterrichts an der Wirklichkeit der Arbeitsverhältnisse und plädierte für die universalistischen Traditionen der europäischen Aufklärung.

          In seinem Grundsatzbeitrag über "Pädagogik und Psychologie der Mathematik" von 1910 konkretisierte Lessing sein Ziel, die Unterrichtsanstalten in moderne Erziehungsschulen umzuwandeln. Er schlug eine neue Einteilung des Bildungssystems vor und erklärte die pädagogische Psychologie zur Grundlage der praktischen Schulorganisation. Die Scheidung der ungleichen Ehe zwischen Naturwissenschaften und Mathematik und die Erkenntnis der Unvergleichlichkeit ihrer kontemplativen Denkart bildeten für Lessing den Ausgangspunkt einer Schulreform, die entwicklungspsychologische und physiologische Voraussetzungen des Lebens, Unterrichtens und Lernens mit bedenkt. Experimentelle Pädagogik und reformpädagogische Bestrebungen vereinigen sich hier im Ziel, die Schüler- und Lehrerpersönlichkeit in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen.

          Mehr Rousseau, weniger Lernschule lautet die Forderung, die das Aufgabenverständnis von Lessing prägte. Früh erkannte und erlebte Lessing die Gegensätze und unüberbrückbaren Widersprüche in einer Reform- und Alternativbewegung, deren Säulen - Jugendbewegung, Reformpädagogik und Kunsterziehungsbewegung - in Verbindung mit kulturkritischen, irrationalen, deutschnationalen oder völkischen Tendenzen traten. Teile dieser Bewegung gerieten in Gefahr, deren Kulturimperialismus und Rassismus zu teilen. Auch Lessing selbst erlag in den Jahren seiner "pädagogischen Provinz" teilweise dieser Gefahr. In den pädagogischen Schriften des assimilierten Juden Lessing "völkelt" es gelegentlich. Es ist von Blut und Rasse die Rede, von "blutmäßiger Abstammung" oder von "Schülern jüdischen Stammes", von "deutscher Jugendelite". Der sogenannte "Haubinder Judenkrach" von 1902/03 zwang Lessing zur Korrektur seiner zivilisationskritischen Argumente. Er musste sich mit den völkischen und antisemitischen Zügen im Denken seines Freundes Hermann Lietz auseinandersetzen. Lietz beabsichtigte, als Schulleiter jüdische Schüler nur noch in Ausnahmefällen aufzunehmen. Lessing protestierte dagegen vergeblich und sah sich gezwungen, seine "Brotstelle" aufzugeben. Nur unzulänglich unterstützten ihn die damaligen Weggenossen und Lehrer von Haubinda und Ilsenburg, Gustav Wyneken und Paul Geheeb, die sich später ebenfalls mit Lietz überwarfen und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf (1906) und die Odenwaldschule (1910) gründeten.

          Mit den Lietz'schen Einrichtungen, aber auch mit späteren Reformversuchen des Göttinger Philosophen Leonard Nelson, vor allem mit dessen Mitarbeiterin Minna Specht, einer ehemaligen Lehrerin aus Haubinda, teilte Lessing den hohen Anspruch, theoretisches und praktisches Arbeiten miteinander zu verknüpfen, exemplarisches Lernen im Projektunterricht anzustreben, Schülerleistungen nicht durch Zensuren, sondern durch Prüfungstage festzulegen, Haus- und Gartenarbeit als Gemeinschaftsaufgabe anzusehen und das ländliche Leben durch Abend-, Kultur- und Theaterveranstaltungen zu urbanisieren.

          Was Lessing von Lietz trennte, war dessen Kulturkritik, sein Rassismus, Chauvinismus und Militarismus. Was ihn mit Minna Specht und Leonard Nelson, dem Gründer des Internationalen Sozialistischen Kampf-Bundes (ISK), und deren Reformprojekt in der 1922 gegründeten Walkemühle bei Kassel verband, waren die Ideen der Emanzipation und Gleichberechtigung, des Internationalismus und Pazifismus, der Abstinenz (gegen Alkohol), vor allem die Fähigkeit der Zurückhaltung und des Schweigens gegenüber Jugendlichen und Erwachsenen.

          In der vierten Auflage seiner vielzitierten Buchpublikation über die "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" von 1927 definiert Lessing Erziehung als einen Prozess des Suchens "nach letzter tiefer Stille". Erziehung zum Schweigen nennt er diese Form der Selbstversenkung. Und weil die heutige Schule, auch die Volksschule, Mörder an der Seele sei, die eine Jugend mit Hornbrille und Ledermappe erziehe, welche über alles, mit Vorliebe über Leben und Erlebnis diskutiere, müsse man in Schulen endlich schweigen lernen. Das Recht auf Stille gelte auch für Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Ausdrücklich wiederholt er diese Mahnung gegen die Schulmänner und jene Bildung, die Werte predige, die sie nicht lebe, in der Ansprache von 1924 in Hannover über "Volkshochschule als Kulturwert".

          Als geachtetes Mitglied der internationalen Friedensbewegung trat Lessing für eine Erziehung zur sozialen Verantwortung, zur Demokratiefähigkeit und Friedensbereitschaft ein. Dieses pädagogisch-politische Selbstverständnis prägt auch sein Volksbildungskonzept, das er als praktische Variante seiner nur in Ansätzen formulierten "Philosophie der Not" verstand. Sein sozialpolitisches und pädagogisches Engagement ließ sich davon leiten, wissenschaftliche und literarische Absichten zur Abhilfe und Aufbesserung des menschlichen Lebens zu nutzen und umgekehrt simple Dinge des täglichen Lebens zu Fraglichkeiten und Vorwürfen philosophischer Betrachtung zu erheben. Auf vornehme Weise die Unvornehmheit und Würdelosigkeit unseres äußeren Lebens und seine innere Rohheit zu bekämpfen bleibt sein Ziel in sozialpolitischen und pädagogischen Angelegenheiten. Dabei bediente er sich phantasiereich immer wieder öffentlicher Mittel und wurde dafür von seinen Gegnern als "reklamelüsterner Conferencier gescholten, der seine Bonmots wahllos und hemmungslos ins Publikum schleudert". So Thomas Mann über den "Doktor Lessing" im "Literarischen Echo" vom 1. März 1910. Lessing antwortete dem "hoch gezüchteten Marzipan-Mann aus Lübeck und mächtigsten Zuckerkönig deutscher Leihbibliotheken" mit der provozierenden Kampfschrift von 1910: "Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz - Eine Warnung für Deutsche, Satiren zu schreiben. Mit literarischen Beiträgen von Thomas Mann, Samuel Lublinski und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern".

          Dass sich hinter der öffentlichen Einmischung von Thomas Mann in den Streit der beiden jüdischen Publizisten eine persönliche Vorgeschichte verbirgt, kann nur kurz angedeutet werden: Samuel Lublinski gehörte 1901 zu den ersten Literaturkritikern, welche die "Buddenbrooks" positiv rezensierten. Bald darauf überwarf er sich mit Lessing. Der hatte in seinen Münchener Jahren als älterer Medizinstudent einen freundschaftlich-wissenschaftlichen Diskurs mit der Pringsheim-Tochter Katia gepflegt, der späteren Frau Thomas Manns. Und 1905/06 begann Lessing in seinen Göttinger Studienjahren bei dem Philosophen Edmund Husserl als engagierter nebenberuflicher Theaterkritiker eine enge Beziehung zu der Schauspielerin Carla Mann, der Schwester von Heinrich und Thomas Mann, die sich am 30. Juli 1910 mit Zyankali vergiftete. Lessing selbst hatte sich zuvor von seiner ersten Frau Maria Stach von Golzheim und den beiden Töchtern gegen seinen Willen trennen müssen, weil Maria in Haubinda mit einem Schüler von Lessing eine neue Lebenspartnerschaft begann, mit Bruno Frank, dem späteren Schriftsteller und engen Freund Thomas Manns.

          Die Lublinski-Affäre und die Kontroverse mit dem von Lessing als "etwas femininer, dekadenter Patriziersohn" charakterisierten Thomas Mann beendeten die Tätigkeit Lessings als erfolgreicher Theater- und Kulturkritiker nicht nur bei der "Schaubühne", der 1918 von Jacobsohn neubegründeten "Weltbühne". Fünfzehn Jahre später gefährdete eine politische Kontroverse seine weitere Existenz in Deutschland: Wegen der Artikelserie über den Prozess gegen den Massenmörder Haarmann und der prophetischen Kritik an dem Reichspräsidenten Hindenburg, dem "Zero", dem bald ein "Nero" folgen würde, wurde Lessing mit Disziplinarverfahren überzogen und erhielt 1925 als Hochschullehrer an der TH Hannover mit kargem Lehrauftrag Berufsverbot.

          Als ihn völkische Studenten aus Hannover vertrieben hatten, verfasste Theodor Lessing 1925 sein "Testament an die Jugend": "Es ist möglich, dass solch ein fanatischer Querkopf mich niederschlägt, wie sie Rathenau und Harden niedergeschlagen haben." Verspürte er auch keine Sendung zum politischen Märtyrer, so wurde der unzeitgemäße Außenseiter am 30. August 1933 das erste prominente Opfer der Nazis im Ausland. Gedungene Mörder erschossen den Kulturkritiker, Philosophen, Psychologen, Arzt, Publizisten und Bildungsreformer in seiner Exilwohnung im Haus Edelweiß im böhmischen Kurort Marienbad. Dazu notierte der immer noch affektgeladene Thomas Mann in seinem Tagebuch am 1. September 1933: "Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir."

          In Marienbad beabsichtigte Theodor Lessing zusammen mit seiner zweiten Frau Ada, mit der er schon die Volkshochschule in Hannover 1919 aufgebaut und bis 1933 geprägt hatte, das "Töchterheim Marienbad (Landerziehungsheim)" am 15. Oktober 1933 zu eröffnen. Mit diesem letzten gemeinsamen Lebens- und Arbeitsprojekt gingen Ada und Theodor Lessing den Weg, den andere befreundete Lehrer und Wissenschaftler ebenfalls in der Emigration suchten: die Gründung von Exil-Schulen und Heimen im Geiste der Reformpädagogik, teilweise unter Berücksichtigung sozialistischer Erziehungsvorstellungen.

          Der "entschiedene Schulreformer" und Leiter der Berliner "Karl-Marx-Schule", Fritz Karsen, richtete in Paris die "École Nouvelle de Boulogne" für Emigrantenkinder ein. Der Leiter der Odenwaldschule, Paul Geheeb, mit Lessing einst Lehrer in Haubinda, begründete die "École d'Humanité" in der Schweiz; Max Bondy, der Leiter des Landerziehungsheims in Marienau bei Hamburg, die Windsor Mountain School in Vermont (Amerika). Der Vorsitzende der Kinderfreunde und SPD-Reichstagsabgeordnete Kurt Löwenstein organisierte Schul- und Erziehungsprogramme im französischen Exil. Kurt Hahn setzte seine Tätigkeit in Salem in Schottland und Wales fort. Minna Specht, die Leiterin der ISK-Schule in der Walkemühle, baute auch mit Ada Lessing Nachfolgeorganisationen in Dänemark und England auf. 1945 kehrte sie nach Deutschland zurück, um von 1946 bis 1951 die Leitung der Odenwaldschule zu übernehmen. Und die von August Siemsen, dem führenden Vertreter der Linksopposition in der SPD, inspirierte Pestalozzi-Schule in Buenos Aires verstand sich als "Dolch im Fett des Faschismus", während seine Schwester Anna Siemsen als herausragende Schul- und Bildungspolitikerin aus dem Schweizer Exil heraus Reformprojekte im republikanischen Spanien förderte und in der Bildungszentrale der Schweizer Sozialdemokratie mitarbeitete. Viele der Repräsentanten der sozialistischen Bildungspolitik warteten nach 1945 vergeblich auf einen Rückruf aus beiden Teilen Deutschlands oder wurden bald darauf wie Fritz Karsen oder Anna Siemsen von der schul- und bildungspolitischen Entwicklung bitter enttäuscht. So ist es kein Zufall, dass die Erinnerung an die linken Repräsentanten der Reformpädagogik in Vergessenheit geriet und die heutige Diskussion nicht mehr befruchtet. Das gilt auch für Ada und Theodor Lessing.

          Die Ermordung Theodor Lessings in der Nacht vom 30. zum 31. August 1933 vereitelte das Exil-Projekt in Marienbad. Lessing, der 1925 im "Gerichtstag über mich selbst" von sich behauptete, "nur durch Zufall dem Schlachtbeil der Pädagogik" entronnen zu sein, war nach der Flucht vor den Nationalsozialisten durch persönliche und politische Umstände gezwungen worden, erneut "Lehrer mit ungeteilter Seele" zu werden. Das Handeln des habilitierten Philosophen aus Hannover blieb ein Leben lang geprägt durch ständige Erwerbsnot. "Ich war mit ganzer Seele Arzt, mit ungeteilter Seele Lehrer, mit voller Hingabe Psychologe, mit ganzer Kraft Philosoph. Aber eigentlich war ich immer, was ich in der Jugend war: "Nur Narr, nur Dichter"! urteilt Theodor Lessing über sich selbst am 9. August 1925.

          Der Autor ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen und hat Theodor Lessings Ausgewählte Schriften herausgegeben.

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