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Thomas Scheen : Auf Gedeih und Verderb

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Der Ort des Schreckens wirkt unscheinbar: ein viereckiger Bau mit nicht einmal mannshohen Mauern, ein Wellblechdach und darunter eine steile Treppe, die in den Untergrund führt. Doch wer damals, während des Krieges, diese steile ...

          Der Ort des Schreckens wirkt unscheinbar: ein viereckiger Bau mit nicht einmal mannshohen Mauern, ein Wellblechdach und darunter eine steile Treppe, die in den Untergrund führt. Doch wer damals, während des Krieges, diese steile Treppe hinuntergestoßen wurde in ein verwinkeltes Bunkersystem, der wusste nicht, ob er das Tageslicht jemals wiedersehen würde. Das "Weiße Haus", wie das geheime Gefängnis der nordsudanesischen Armee wegen seiner gekalkten Wände genannt wird, war das Symbol des Terrors des Nordens gegen den Süden Sudans. Tausende Südsudanesen starben in den unterirdischen Verliesen der großen Kaserne am Rande Jubas. Sie wurden erschlagen, erstochen oder zu Tode gefoltert, wenn man sie nicht einfach an Durst sterben ließ.

          Julius Mikon Onena steigt zaghaft die Treppe hinunter bis zum ersten Zellentrakt. "Wer hierherkam, der hatte noch Glück, weil es wenigstens ausreichend Luft gab", erzählt er. Was sich weiter unten in der Bunkeranlage abspielte, die heute unter Wasser steht, hat der 46 Jahre alte Julius am eigenen Leib erfahren; die Prügel morgens, mittags und abends; die Folter mit Ochsenziemern, Lederpeitschen und Knochenscheren, von der sich nur die wenigsten wieder erholten; nachts wurden Mithäftlinge abgeführt, von denen seither jede Spur fehlt. "Aus dem Innern dieses Kerkers kam kaum jemand zurück."

          Dreimal war Julius in den neunziger Jahren hier inhaftiert, und warum er dreimal überlebt hat, ist ihm auch heute noch ein Rätsel. Um im "White House" inhaftiert zu werden, reichte es, jemanden zu kennen, der jemanden kannte, der bei den südsudanesischen Rebellen der "Sudan People's Liberation Army" (SPLA) war. Einmal verbrachte Julius sogar sechs Monate in dem Loch, weil er versucht hatte, dem Elend in Südsudan durch eine Flucht nach Uganda zu entkommen. Sein bester Freund, mit dem zusammen er sich aufgemacht hatte, starb in dem Bunker. "Für die Araber waren wir Schwarzen keine Menschen. Wir waren Kakerlaken, die man einfach totschlagen konnte", sagt er und befühlt dabei die Graffiti an den Wänden des Verlieses, wo Häftlinge mit ihren Fingernägeln ihre Namen in den Kalk gekratzt haben, um nicht gänzlich spurlos zu verschwinden. "Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals für möglich gehalten hätte", erinnert sich Julius an diese schlimme Zeit. "Ich habe nichts vergessen."

          Geschichten wie die von Julius Mikon Onena, dem Mann mit dem kleinen Kinnbart und dem ansteckenden Lachen, lassen sich an nahezu jeder Ecke in Juba finden, der Hauptstadt Südsudans. Vier Millionen Wahlberechtigte entscheiden hier am Sonntag, ob sie in der islamischen Republik Sudan bleiben wollen oder ob ein neuer Staat entsteht. Das Referendum ist Bestandteil des Friedensvertrags, der 2005 zwischen dem muslimischen Norden und dem christlich-animistischen Süden geschlossen wurde. Über den Ausgang besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur, ob es 80 oder sogar 90 Prozent der Wähler sein werden, die dem Norden endgültig den Rücken kehren wollen. 23 Jahre Krieg liegen hinter Südsudan. 2,5 Millionen Menschen starben durch Kampfhandlungen, Hunger, fehlende medizinische Behandlung oder eben durch die Hände der Folterknechte aus Khartum. "Wir haben sie kennengelernt, die Araber, und wir wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben", sagt Julius. So denken nahezu alle Südsudanesen.

          Dreizehn Jahre war Julius alt, als der Krieg ausbrach. Damals hatte die Regierung in Khartum einen Offizier namens John Garang in den Süden entsandt, um eine drohende Meuterei der südsudanesischen Soldaten im Keim zu ersticken. Garang aber solidarisierte sich mit den Meuterern, gründete die Rebellenbewegung SPLA und schwor, den Konflikt nach Khartum zu tragen.

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