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: Schulstruktur zwischen Chaos und Konsens

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Die neue nordrhein-westfälische Landesregierung hat angekündigt, die Schulstruktur grundlegend zu ändern. Sie will auf den weiteren Schülerrückgang reagieren und gleichzeitig die Aufteilung der Schüler nach der Grundschule beseitigen.

          Die neue nordrhein-westfälische Landesregierung hat angekündigt, die Schulstruktur grundlegend zu ändern. Sie will auf den weiteren Schülerrückgang reagieren und gleichzeitig die Aufteilung der Schüler nach der Grundschule beseitigen. Zu den bisherigen vier Schulformen in der Sekundarstufe I soll die sogenannte Gemeinschaftsschule treten und die alten Schulformen möglicherweise langfristig auch ablösen.

          Die neue Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) kündigt dazu eine sanfte Schulreform an. Sie soll ein Angebot zur Zusammenarbeit auch mit den Parteien der bisherigen schwarz-gelben Koalition werden. Doch die erste Sofortmaßnahme zeigt, dass schon die kleine Schulgesetznovelle anders verstanden wird - als "Tribunal" über die Bildungspolitik der bisherigen Regierung. Auch die ersten Reaktionen nach dem Stopp der Hamburger Reform durch Volksentscheid vom 18. Juli 2010 lassen eher Polarisierung als Kooperation erwarten. Und den Linken wird es ohnehin nicht weit genug gehen.

          Wie eine Minderheitsregierung ohne eigene Mehrheit unter diesen Umständen die Schulstruktur erfolgreich reformieren kann, wird zur zentralen politischen Frage der nächsten Monate in Nordrhein-Westfalen. Dabei sind einige Risiken im Spannungsfeld zwischen Chaos und Konsens schon jetzt absehbar.

          Noch gibt es die Erinnerungen an die Kooperative Schule, die 1978 durch ein Volksbegehren scheiterte. Dabei schien die Konzeption, die auf einen CDU-Antrag zurückging (Schulversuch Kooperative Gesamtschule 1971), zunächst so vernünftig und konsensfähig. Auch bei zurückgehenden Schülerzahlen sollte es kleinen Gemeinden ermöglicht werden, ein komplettes Schulangebot vorzuhalten. Dafür sollten in Schulzentren mehrere Systeme mit wenigen Zügen (Parallelklassen) als eine Kooperative Schule geführt werden können - etwa mit zwei Zügen Gymnasium und jeweils einem Zug Realschule und Hauptschule.

          Erst als die damaligen Regierungsparteien (SPD/FDP) dieses Angebot an die Schulträger mit einem anderen bildungspolitischen Ziel verknüpften, wurde daraus politischer Sprengstoff. Die gesetzliche Regelung sah vor, dass in einer Kooperativen Schule die Klassen 5 und 6 obligatorisch als schulformunabhängige (integrierte) Orientierungsstufe geführt werden. Diese rechtliche Koppelung zweier Ziele beendete das Vorhaben. Denn die Zwangseinführung einer solchen Orientierungsstufe mobilisierte die Klientel der traditionellen Schulformen (Gymnasium und Realschule). Die Anhänger der Integrierten Gesamtschule befürchteten eine unwillkommene Konkurrenz und blieben abseits. Das Ergebnis des von der Opposition unterstützten Volksbegehrens im März 1978 ist bekannt: Es war nicht nur das Ende der Kooperativen Schule, sondern auch der Regierung unter Heinz Kühn. Sein Nachfolger wurde im Herbst 1978 Johannes Rau.

          Wenige Jahre später, im Jahre 1981, sollten der Schulversuch mit den 30 Gesamtschulen in das Regelsystem überführt und die Gesamtschule den anderen Schulen gleichgestellt werden. Wieder ging es damals um die alten Fragen. Wie soll sich die Errichtung neuer Gesamtschulen zu den bisherigen Schulangeboten des gegliederten Schulwesens verhalten? Welche Schulen sollen unter welchen Bedingungen von Gesamtschulen ersetzt werden können, und welche Verfahren (Schulentwicklungsplanung, Elternwille) müssen beachtet werden?

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