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Reiner Burger : Viva Polonia

  • Aktualisiert am

Mitten in Bochum, auf dem Giebel des Hauses Am Kortländer 2 steht eine verwaschene Aufschrift. Nur mit Mühe lässt sie sich entziffern. "Bank Robotnikow" (Arbeiterbank), heißt es auf der Mauer des Gebäudes aus der Zeit der Wende vom 19.

          Mitten in Bochum, auf dem Giebel des Hauses Am Kortländer 2 steht eine verwaschene Aufschrift. Nur mit Mühe lässt sie sich entziffern. "Bank Robotnikow" (Arbeiterbank), heißt es auf der Mauer des Gebäudes aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Damals wanderten viele "preußische Polen" ins dynamisch wachsende rheinisch-westfälische Industriegebiet. Bottrop, dessen Einwohnerzahl sich in wenigen Jahren auch dank der Zuwanderung aus den ostpreußischen Provinzen vervierfachte, galt als "Klein-Warschau". Wanne trug den inoffiziellen Titel "polnische Hauptstadt Westfalens", Duisburg-Hamborn hieß im Volksmund "Polen am Rhein" und Bochum war mit der polnischen Arbeiterbank, einer einflussreichen polnischen Gewerkschaft und einer polnischen Arbeiterzeitung das Zentrum der Intelligenz der sogenannten Ruhrpolen.

          Ein paar Häuser weiter, Am Kortländer 6, hat heute noch der Bund der Polen in Deutschland seinen offiziellen Sitz. Doch den Vorsitzenden des Bundes, Marek Wojcicki, trifft man nur selten in Bochum an. Einmal, weil das Haus in einem erbärmlichen Zustand ist. Hauptsächlich aber deshalb, weil Wojcicki in Frankfurt arbeitet. Er ist Unternehmensberater. Also wird der Bund der Polen derzeit vom Main aus geführt.

          Die alte Polonia, die alte polnische Diaspora in Deutschland, gibt es sowieso längst nicht mehr. Auch Wojcicki hat keine ruhrpolnischen Wurzeln. Spuren der "Ruhrpolen" muss man nicht nur Am Kortländer mit archäologischem Geschick aufspüren. Viele dieser Polen wanderten nach dem Ersten Weltkrieg weiter gen Westen in die Kohlereviere Belgiens und Frankreichs oder zurück gen Osten in den wiedererstandenen polnischen Staat. Andere passten sich an, manche deutschten (nicht zuletzt unter dem Germanisierungsdruck in der NS-Zeit) ihre Namen ein: Aus Majczak wurde Mayer oder aus Luczak Lutz. Und die, die heute im Ruhrgebiet Kaczmarek heißen oder - wie der Gelsenkirchener Oberbürgermeister - Baranowski, kommen nur in den seltensten Fällen auf die Idee, nicht durch und durch deutsch zu sein. Sie fühlen sich längst nicht mehr als Teil der Polonia.

          Wojcicki dagegen ist erst 1982 nach Deutschland gekommen. Aber nicht als Pole, streng genommen. In Polen saß er in politischer Haft. Um den Kommunismus hinter sich zu lassen, berief er sich auf das Deutschtum. Er kam als Aussiedler. "Es war eine schizophrene Zeit: Man musste sich als Deutscher ausgeben, damit man in den Westen kam. Aber ich bin Pole." Wojcicki glaubt, dass es in Deutschland viele gibt, die ebenso empfinden wie er, auch wenn sein Bund der Polen nicht einmal tausend Mitglieder zählt, nach offiziellen Angaben. So sieht es also aus mit Polonia in Deutschland.

          Auch Wieslaw Lewicki ist als Aussiedler nach Deutschland gekommen. Das war 1985 und nur möglich, weil seine Frau deutschstämmig ist. Von Aachen aus leitet Lewicki den Konvent der Polnischen Organisationen in Deutschland, zu dem sich der Bund der Polen 1998 mit vier anderen Dachorganisationen der Polonia zusammenschloss. Für Lewicki leidet die Polonia vor allem an chronischer Unterfinanzierung. Das Argument hört man öfter. Seit langem schon weist Polen darauf hin, jährlich würden 25 Millionen Euro für die Förderung der deutschen Minderheit in Polen ausgegeben, die etwa 150 000 Personen stark sei. Deutschland aber begnüge sich mit mageren 300 000 Euro für die - ja, viele Polen würden jetzt am liebsten sagen: polnische Minderheit in Deutschland, die es aber nicht gibt. Auf jeden Fall seien es viel mehr als die Deutschen in Polen, nämlich zehnmal so viel (alle diese Zahlen werden, versteht sich, jeweils als unter- oder übertrieben angezweifelt). "Die polnische Seite kommt ihren Vertragsverpflichtungen vorbildlich nach", sagt Lewicki.

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