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: Prävention, Therapie und Entschädigung

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DRESDEN, 3. Juni. Eineinhalb Jahre ist es her, dass die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch zunächst die katholische Kirche und kurz später die Republik erschütterte. Seither ist die Empörung abgeklungen - und mit ihr vielleicht auch manche Fehlzeichnung und anfänglicher Aktionismus.

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          DRESDEN, 3. Juni. Eineinhalb Jahre ist es her, dass die Aufdeckung von sexuellem Missbrauch zunächst die katholische Kirche und kurz später die Republik erschütterte. Seither ist die Empörung abgeklungen - und mit ihr vielleicht auch manche Fehlzeichnung und anfänglicher Aktionismus. Im Forum "Über Betroffenheit hinaus", ist die Warnung zu hören, das Interesse dürfe nun nicht "verdimmen" - denn die großflächige Präventionsarbeit komme gerade erst in Gang. Christine Bergmann, die Beauftragte der Bundesregierung, gibt den Zuhörern in der gut gefüllten Messehalle des Dresdner Kirchentages einen Überblick über das nun zu beackernde Feld: Bei der früheren Bundesbildungsministerin haben sich einige tausend Betroffene gemeldet, was zwar nicht zu einem im statistischen Sinne repräsentativen, aber zu einem mit den bisherigen Erkenntnissen zumindest stimmigen Gesamtbild führt. Demnach ereigne sich sexueller Missbrauch, wenn man die Anrufe, Briefe und E-Mails auswerte, meist im familiären Umfeld. Von den Personen, die berichteten, in Institutionen missbraucht worden zu sein, gaben 44 Prozent an, dies seien katholische gewesen; 14 Prozent der Personen hätten erzählt, in evangelischen Einrichtungen sexuell missbraucht worden zu sein. "Auch nicht so dolle", fügt die gebürtige Dresdnerin Bergmann, die in Berlin auch Mitglied der dortigen evangelischen Kirchenleitung war, trocken hinzu.

          Klaus Beier, Leiter des sexualwissenschaftlichen Instituts der Charité, fordert ein "neues Menschenbild" in der Diskussion über pädophil veranlagte Männer, die laut Studien für etwa 40 Prozent der Missbrauchsfälle verantwortlich sind. Diese Veranlagung sei "Schicksal, nicht Wahl". Ein Pädophiler sei "deshalb kein Sünder"; zum Sünder werde er erst dann, wenn er zum Täter werde. Wenn man Opfer wirksam schützen wolle, müsse man diese Gruppe, der statistisch jeder hundertste Mann angehört, mit Kampagnen erreichen, schon bevor es zu Übergriffen komme. In der Therapie müsse man die Opferempathie erhöhen und Wahrnehmungsstörungen, etwa die, auch das Kind oder der Jugendliche wünsche sexuellen Kontakt, bearbeiten.

          Beier weiß über erschütternde Erzählungen Pädophiler zu berichten, die zu ihm kommen und deren Tun noch nicht justitiabel geworden ist: "Sie sagen uns, dass ihnen Kinder regelrecht geliefert und angeboten werden" - oft aus Familien, in denen verquere und zerrüttete Verhältnisse herrschten. "Diese Eltern sind geradezu froh, dass Täter Freizeitgestaltungen bieten." Jeder vierte Berliner Junge sei bereits einmal von einem Pädosexuellen mit einschlägiger Absicht angesprochen worden, berichtet Wolfgang Werner vom Präventionsprojekt "Berliner Jungs", das in ebenjene prekären Verhältnisse vordringen will. Die Einschätzung des Mediziners Beier kann Werner bestätigen: "Viele Täter bieten an, die väterliche Rolle zu übernehmen, ihre Wohnungen sind wie Jugendclubs eingerichtet, sie machen Geschenke, haben Zeit für Gespräche." Mehr Beratungseinrichtung und vor allem eine bessere Ausbildung der Therapeuten wie der Pädagogen fordern die Podiumsteilnehmer daher einhellig. Abgesehen von einer Entschädigung der Opfer, fordert Christine Bergmann, dass Ehrenamtliche künftig ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen sollen, bevor sie in der Kinder- und Jugendarbeit mitwirken wollen. "Wenn man das vernünftig erklärt, laufen die Ehrenamtlichen nicht weg", ist sie sich - im Unterschied zu manchen Verbänden - sicher.

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