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: Präsidentielles Zaudern

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Strategische Momente verschaffen einer Kanzlerschaft den immerwährenden Eintrag ins Geschichtsbuch. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gehört zweifellos seit 2008 zu solchen markanten Schlüsselereignissen, die aus der Enge des situativen Regierens ein Reservat der Schlauheit machen können.

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          Strategische Momente verschaffen einer Kanzlerschaft den immerwährenden Eintrag ins Geschichtsbuch. Die Finanz- und Wirtschaftskrise gehört zweifellos seit 2008 zu solchen markanten Schlüsselereignissen, die aus der Enge des situativen Regierens ein Reservat der Schlauheit machen können. Die Krise hat politische Gewissheiten in einer ähnlichen Geschwindigkeit vernichtet wie die Finanzakrobaten das Kapital. Weniger Schulden, ausgeglichene Haushalte, Reduzierung der Staatsquote - das klingt mittlerweile wie frühe Vorgeschichte. Damit frisst die Krise auch ein Stück weit demokratische Normalität. Die große Koalition hat wenige Monate vor ihrem selbst beabsichtigten Ende erstmals auch ein großes Mandat zum Handeln erhalten. Bei Angela Merkel schien sich bislang das Besondere ihrer Kanzlerschaft auf das Ausnahmeformat der Koalition zu beziehen und immer wieder auf die Anerkennung, als erste Deutsche zur Kanzlerin gewählt zu sein. Doch erst in dem Moment, in dem die Ökonomie ihre Leitfunktion für die Politik verloren hat, im Schatten des aktuellen Zeitenbruchs, hat sie den strategischen Moment, der ihre Kanzlerschaft unvergessen machen kann - ein Kipp-Punkt des Regierens, der allerdings in den Machtverlust oder souverän in die zweite Kanzlerschaft führen kann.

          Zwei sehr unterschiedliche Merkel-Analysen können dabei als Richtungsanzeiger vielleicht weiterhelfen. Dirk Kurbjuweit, Leiter des Hauptstadtbüros des "Spiegels", startet seine Suchbewegungen nach dem Phänomen Merkel im Flugzeug. Seine teilnehmende Beobachtung der Kanzlerjahre ist ein extrem subjektiver Blick. Begeistert schreibt er über Augenblicke, in denen Frau Merkel am Ende von sehr anstrengenden Stresstagen im Hotel oder eben im Flugzeug spontan mit einem leidenschaftlichen Plädoyer die Journalisten für sich einnimmt. Inhaltlich erfährt der Leser über diese Merkel-Sternstunden nichts im Buch. Hintergrundgespräche bleiben auch für Kurbjuweits Leser nicht-öffentlich.

          Doch Kurbjuweits Betrachtung der Kanzlerin lebt nicht von diesen wenigen Augenblicken der Begeisterung. Eher mitleidig entwirft er ein Kanzler-Porträt über die "totale Kanzlerin" in einer Politikmaschine. Selbstkritisch verweist er auf den Berliner Journalistenbetrieb, der zum Taktgeber der Politik geworden ist. Politik unter Echtzeitbedingungen erfordert einen Politikertyp, der immer professionell wie eine Maschine läuft - ohne Privatheit, ohne Leidenschaft, ohne erkennbare Personalität, aber mit effizienter Prinzipienlosigkeit. Das Merkel-Bild im Buch gleicht einer Erfolgstaktikerin als politischem Neutrum. Sympathie kommt dabei nicht auf. Erstmals wird in dieser Analyse auch empirisch belegt, wie sehr Merkel eine Medienkanzlerin geworden ist. Ihre Kontrollsucht inszeniert jede Geste, jedes Bild. Sichtbar wird, wie die Unauffälligkeit kalkuliert ist, wie sie die bescheidene Natürlichkeit durchstylt, wie die Kanzlerin ihre Verzichtsästhetik medial arrangiert. "Merkel ist die Königin der Hintergründe, bleibt aber für die breite Öffentlichkeit blass", so Kurbjuweit. Da sehnt sich jeder Leser nach den leidenschaftlichen Hintergrundgesprächen, die offenbar eine andere Merkel, die wahre Merkel, zeigen.

          Doch blass ist Angela Merkel in den Augen der Bürger keinesfalls. Ihre Scheu vor öffentlicher Führung und ihr gelebtes Understatement sind ein deutlich wahrgenommenes Profil der Kanzlerin. Sie gilt - wie die Umfragen belegen - als permanent selbst anpackende Chefin, die sich in der Männerwelt behauptet hat, der man großen Respekt entgegenbringt und gleichzeitig enorme Sachkunde zur Problemlösung unterstellt. Altbürgerlich lässt sie praktisch keinen Blick in ihr Privatleben zu, was ebenso auf hohe Zustimmung stößt.

          Das Merkel-Bild ist für die meisten Bürger ziemlich klar. Nur Journalisten und Wissenschaftler suchen häufig noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall nach dem Fremden an der Kanzlerin. Auf Spurensuche war auch Volker Rensing - ebenfalls Journalist in Berlin für die Verlagsgruppe Bistumspresse. Öffentlich äußert sich Frau Merkel normalerweise nur ganz selten über ihre Religion. Doch ihre biographischen Wurzeln in einem preußisch-protestantischen Pfarrhaushalt der DDR haben sie lebenslang religionspolitisch ausgestattet. Das gilt sicher für die Perspektive, in der sie Politik wahrnimmt, für die analytische Schärfe, für den Umgang mit Begründungsdiskursen, für die Gewichtung der Demut. Als bewusste Christin sieht sie die wichtigste politische Leistung gerade darin, immer dafür zu sensibilisieren, dass Demokratie keinen religiösen oder auch moralischen Vergemeinschaftungszwang kennt. Dem Individuum lässt das Christentum immer Eigenräume des Privaten.

          Rensing hat äußerst originell Lebensstationen, Reden, Interviews und politisches Entscheidungsmanagement auf den Faktor "C" hin - "c" wie christlich - untersucht. Angela Merkel mag Gelegenheits-Konservative sein, aber keine Gelegenheits-Protestantin. Das Buch entschlüsselt die Berliner Armutsästhetik: das protestantische Politikverständnis der Kanzlerin mit dem selbstlosen Dienen, dem Verzicht auf alles Gebaren der Macht und heroischen Gesten. Zum protestantischen Wertekanon passt ebenso der Dauerappell der Kanzlerin, den wirtschaftlichen Erfolg auch aus Tugenden abzuleiten: Was kann ich selbst tun?

          Vielleicht kann man das Buch auch als Fahrplan aus der Finanz- und Wirtschaftkrise lesen. Denn Angela Merkel steht mit ihrer Lebensgeschichte als protestantische Freiheitspatriotin für das Wissen um die Kraft einer Wertorientierung: eine religiös fundierte Lebenssinndeutung. Wenn Gewissheiten nicht mehr existieren, braucht man nicht nur neue Regeln, sondern auch einen wertorientierten Kompass. Krisengewinner könnten am Ende diejenigen sein, die eine Rhetorik der Krise entwickeln, die so einen Kompass bietet: Was wollen wir an unserem Wohlfahrtsstaat und an unserer Demokratie angesichts verminderter Erwartungen unbedingt bewahren? Wer am überzeugendsten erklärt, baut seine Macht aus. Eine Wählerallianz der Sicherheit und Berechenbarkeit kann man mobilisieren, wenn man politische Begründungen liefert - nicht für das, was zurückliegt, sondern für das, was man schaffen möchte.

          Dann hätte Frau Merkel den strategischen Moment genutzt. Denn eine politische Strategie beruht auf einer Verfügbarkeit von Orientierungswissen für offene Problemsituationen. Mit dem "C" ist der Fundus an Orientierungswissen für eine Partei, die dies im Namen trägt, reichhaltig gefüllt. Noch wartet die Kanzlerin, tastet sich mit kleinteiligem Vielfaltsmanagement - hinter dem sogenannten Schleier des Nichtwissens - durch den Alltag der Krise. Ihre "forcierte Passivität" (Fritz Stern) kann sich am Ende als Klugheit herausstellen. Ihr präsidentielles Zaudern in der großen Koalition wirkt wie eine Auszeit für einen historischen Möglichkeitssinn. Ihr Zaudern ist vielleicht Methode. Es bedeutet keinesfalls Nichtstun, sondern eine substantielle Langsamkeit, die in Zeiten von Komplexität und Unsicherheit ein Machtreservoir sein könnte. Doch Kipp-Punkte an besonderen strategischen Momenten können sich auch ins genaue Gegenteil kehren. Ein hohes Risiko in einem Super-Wahljahr.

          Karl-Rudolf Korte

          Dirk Kurbjuweit: Angela Merkel. Die Kanzlerin für alle? Carl Hanser Verlag, München 2009. 155 S., 16,90 [Euro].

          Volker Resing: Angela Merkel. Die Protestantin. Ein Portrait. St. Benno Verlag, Leipzig 2009. 160 S., 9,90 [Euro].

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