https://www.faz.net/-1v1-135fx

: Präsidentielles Zaudern

  • Aktualisiert am

Das Merkel-Bild ist für die meisten Bürger ziemlich klar. Nur Journalisten und Wissenschaftler suchen häufig noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall nach dem Fremden an der Kanzlerin. Auf Spurensuche war auch Volker Rensing - ebenfalls Journalist in Berlin für die Verlagsgruppe Bistumspresse. Öffentlich äußert sich Frau Merkel normalerweise nur ganz selten über ihre Religion. Doch ihre biographischen Wurzeln in einem preußisch-protestantischen Pfarrhaushalt der DDR haben sie lebenslang religionspolitisch ausgestattet. Das gilt sicher für die Perspektive, in der sie Politik wahrnimmt, für die analytische Schärfe, für den Umgang mit Begründungsdiskursen, für die Gewichtung der Demut. Als bewusste Christin sieht sie die wichtigste politische Leistung gerade darin, immer dafür zu sensibilisieren, dass Demokratie keinen religiösen oder auch moralischen Vergemeinschaftungszwang kennt. Dem Individuum lässt das Christentum immer Eigenräume des Privaten.

Rensing hat äußerst originell Lebensstationen, Reden, Interviews und politisches Entscheidungsmanagement auf den Faktor "C" hin - "c" wie christlich - untersucht. Angela Merkel mag Gelegenheits-Konservative sein, aber keine Gelegenheits-Protestantin. Das Buch entschlüsselt die Berliner Armutsästhetik: das protestantische Politikverständnis der Kanzlerin mit dem selbstlosen Dienen, dem Verzicht auf alles Gebaren der Macht und heroischen Gesten. Zum protestantischen Wertekanon passt ebenso der Dauerappell der Kanzlerin, den wirtschaftlichen Erfolg auch aus Tugenden abzuleiten: Was kann ich selbst tun?

Vielleicht kann man das Buch auch als Fahrplan aus der Finanz- und Wirtschaftkrise lesen. Denn Angela Merkel steht mit ihrer Lebensgeschichte als protestantische Freiheitspatriotin für das Wissen um die Kraft einer Wertorientierung: eine religiös fundierte Lebenssinndeutung. Wenn Gewissheiten nicht mehr existieren, braucht man nicht nur neue Regeln, sondern auch einen wertorientierten Kompass. Krisengewinner könnten am Ende diejenigen sein, die eine Rhetorik der Krise entwickeln, die so einen Kompass bietet: Was wollen wir an unserem Wohlfahrtsstaat und an unserer Demokratie angesichts verminderter Erwartungen unbedingt bewahren? Wer am überzeugendsten erklärt, baut seine Macht aus. Eine Wählerallianz der Sicherheit und Berechenbarkeit kann man mobilisieren, wenn man politische Begründungen liefert - nicht für das, was zurückliegt, sondern für das, was man schaffen möchte.

Dann hätte Frau Merkel den strategischen Moment genutzt. Denn eine politische Strategie beruht auf einer Verfügbarkeit von Orientierungswissen für offene Problemsituationen. Mit dem "C" ist der Fundus an Orientierungswissen für eine Partei, die dies im Namen trägt, reichhaltig gefüllt. Noch wartet die Kanzlerin, tastet sich mit kleinteiligem Vielfaltsmanagement - hinter dem sogenannten Schleier des Nichtwissens - durch den Alltag der Krise. Ihre "forcierte Passivität" (Fritz Stern) kann sich am Ende als Klugheit herausstellen. Ihr präsidentielles Zaudern in der großen Koalition wirkt wie eine Auszeit für einen historischen Möglichkeitssinn. Ihr Zaudern ist vielleicht Methode. Es bedeutet keinesfalls Nichtstun, sondern eine substantielle Langsamkeit, die in Zeiten von Komplexität und Unsicherheit ein Machtreservoir sein könnte. Doch Kipp-Punkte an besonderen strategischen Momenten können sich auch ins genaue Gegenteil kehren. Ein hohes Risiko in einem Super-Wahljahr.

Karl-Rudolf Korte

Dirk Kurbjuweit: Angela Merkel. Die Kanzlerin für alle? Carl Hanser Verlag, München 2009. 155 S., 16,90 [Euro].

Volker Resing: Angela Merkel. Die Protestantin. Ein Portrait. St. Benno Verlag, Leipzig 2009. 160 S., 9,90 [Euro].

Topmeldungen

Sicherheitszone in Syrien : Kramp-Karrenbauer auf Konfrontationskurs

Die Verteidigungsministerin fordert eine internationale Schutzzone in Nordsyrien – und schließt auch den Einsatz deutscher Soldaten dabei nicht aus. Damit irritiert sie die SPD und vor allem Außenminister Maas. Die Kritik lässt nicht lange auf sich warten.

Google Pixel 4 XL im Test : Unter dem Radar

Google probiert im Pixel 4 einen neuen Sensor aus. Mit Hilfe von Radartechnologie lasst sich das Smartphone berührungslos steuern. Auch die Kamera überzeugt mit einer neuen Funktion.
Armutszuwanderung: Der Versuch, Kinder von Migranten durch Kinderstuben und Auffangklassen besser zu integrieren, gelingt nicht immer. Es ist vor allem schwer, die Eltern einzubeziehen.

Ein Lehrer berichtet : Integration durch die Schule?

Anspruch und Wirklichkeit entlang des A-40-Äquators: In Duisburg sollen die Eltern von Einwandererfamilien stärker in den Bildungsprozess ihrer Kinder einbezogen werden. Funktioniert das? Ein Gastbeitrag.