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Susanne Peters: William S. Schlamm : Nie angekommen . . .

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William S. Schlamm Bild: Buchcover des besprochenen Bandes

Wiedervereinigung war für William S. Schlamm ein nationaler Befreiungskampf, ein Kreuzzug gegen Totalitarismus auf christlich-religiöser Grundlage. Entspannungspolitik und Koexistenz waren unnötige Entgegenkommen mit fatalen Folgen.

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          Selten konvertieren Intellektuelle vom linken ins rechte Lager. In der Phalanx einst gläubiger Kommunisten, die zu Antikommunisten mutierten, stehen Leo Bauer, Isaak Deutscher, Wolfgang Leonhard, Manès Sperber und auch der Publizist William S. Schlamm. Anfang der 1960er Jahre hofieren Henri Nannens „Stern“ und Axel Springers „Welt“ den für seine wertkonservative Grundhaltung bekannten Kolumnisten. Im politischen Diskurs der bundesdeutschen Presse über Teilung, Mauerbau, Entspannungsbemühungen und Totalitarismuskritik wirft Schlamm dem Westen angesichts unveränderter kommunistischer Expansionsgelüste Lethargie, Versagen, Feigheit und Dekadenz vor. Der „Spiegel“ und die SPD beschimpfen Schlamm als Kalten Krieger und bekämpfen dessen skurrile Forderung nach einem Präventivschlag gegen die Sowjetunion. In der Hochphase sozialliberaler Entspannungspolitik würdigt 1971 die konservative, 2007 wegen Insolvenz aufgelöste „Deutschland-Stiftung e. V.“ Schlamms „leidenschaftliches Engagement gegen Totalitarismus von links und rechts“ mit dem Konrad-Adenauer-Preis.

          Was macht aus dem glühenden Jungkommunisten Schlamm einen militant beseelten Antikommunisten? Susanne Peters entwickelt - mit über 2500 Fußnoten belegt - ein detailreiches Lebens- und Gedankenbild, das drei Abschnitte umfasst: die Jugendzeit und das Exil in Prag bis 1938, der anschließende Aufenthalt in den Vereinigten Staaten und die Rückkehr nach Europa 1959. Geboren 1904 im österreichisch-ungarischen Przemysl, wuchs er in der k.u.k. Monarchie in einem kaufmännisch geprägten bürgerlich-jüdischen Elternhaus in Wien auf. Seine linksgerichtete Überzeugung geht auf Kontakte mit der Jungwandervogel-Bewegung zurück, die bündisches Gemeinwesen praktiziert und dem Ideal einer homogenen Volksgemeinschaft anhängt. Beseelt von der Utopie, Sozialismus bedeute Verzicht auf Egoismus und uneigennütziges Handeln zugunsten aller, deren Ordnung die Autorität des Staates garantiert, entwickelt sich Schlamm zum strammen Parteikommunisten und Linksradikalen.

          Erster Weltkrieg und die russische Revolution beflügeln seine pazifistischen Ideen und das Verlangen nach gesellschaftlich politischer Neuordnung von Volk und Staat. Er ruft den Kommunistischen Jugend Verband ins Leben, wird Jugendvertreter im Zentralkomitee der KPÖ und verfällt Anfang der 1920er Jahre mit „Haut und Haar“ den Apparatschiks der Moskauer Zentrale. Tief zerstritten über den Leninismus, die Haltung zu den Sozialdemokraten und den Weg der Austromarxisten zwischen Reformismus und Bolschewismus, rückt Schlamm aufgrund heterogener Strömungen in der KPÖ, ihrer Position zur KPdSU und in der Kommunistischen Internationalen von der Linksfraktion allmählich auf die Seite der Rechtsabweichler. Der KPÖ-Ausschluss und die fehlgeschlagene Gründung der Kommunistischen Opposition Österreichs 1929 verändern nachhaltig sein Weltbild.

          Enttäuscht von Glauben an Parteiapparate und organisierter Form des Kommunismus, sucht Schlamm sein Heil in schriftstellerischer Tätigkeit. In Prag schreibt er für die Exilzeitschriften „Neue Weltbühne“ und „Europäische Hefte“, die nach der Machteroberung Hitlers erst recht Sammelbecken der Gegner des Faschismus im Kampf der Linken gegen die Nationalsozialisten werden. Deren Erfolg sieht Schlamm in dem Zusammenbruch der Linksparteien, der Völkerbundpolitik und den Revisionsbestrebungen des Versailler Vertrages begründet. Fehleinschätzungen der Appeasement-Politik gegenüber Hitler, es werde keinen Krieg geben und Aufrüstung großer Industrieländer trage zur Friedensstabilisierung bei, stehen weitsichtige Analysen zur föderalen Reorganisation Europas mit einheitlicher Währung, freiem Markt und demokratisch-parlamentarischen Staaten gegenüber, die ein Bollwerk gegen totalitäre Restauration bilden. Die Auseinandersetzung um Rohstoffquellen und Absatzgebiete werde im 20. Jahrhundert durch revolutionäre Veränderungen der Technik ersetzt.

          Vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs, des blutigen Terrors und der Schauprozesse in Moskau gibt Schlamm nach 1936 desillusioniert die Hoffnung auf Stalins Unterstützung im antifaschistischen Kampf auf. Den Sozialismus trennt er vom Stalin-Regime und bewahrt sich so die Idee des „wahren“ Sozialismus, bestimmt durch die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und der Befreiung des Menschen mit Sozialisierung der Produktionsmittel. Fortan heroisiert Schlamm den Widerstand gegen die „Diktatur der Lüge“ und prangert Hitlers und Stalins Totalitätswahn an. Nach der deutschen Besetzung Prags 1938 emigriert er in die Vereinigten Staaten, trifft dort William F. Buckley und Henry R. Luce, einflussreiche Verleger, die ihm im Kalten Krieg publizistische Foren bieten. Nach Kräften leistet Schlamm bei McCarthys Jagd auf Kommunisten ideologische Schützenhilfe und spricht religiösen Konservatismus-Anhängern, die den wachsenden Einfluss des Staates auf das Individuum begrenzen wollen, aus der Seele.

          Schlamms Wechsel in die Bundesrepublik und die ungeahnte Popularität in der westdeutschen Presse erklärt Autorin Peters mit seinem missionarischen Eifer in Zeiten der Berlin-Krise. Eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR lehnt er ab und benennt für CDU und CSU klar die Triebfeder aller Spannungen: die Kommunisten im Kreml. Wiedervereinigung ist für ihn ein nationaler Befreiungskampf, ein Kreuzzug gegen Totalitarismus auf christlich-religiöser Grundlage. Entspannungspolitik und Koexistenz sind unnötige Entgegenkommen mit fatalen Folgen. Sein Problem: Den amerikanischen Konservatismus überträgt er auf die bundesdeutsche Politik und verkennt den Wertewandel, der sich hier durch die freiheitliche Demokratie vollzogen hat. Er verabsolutiert persönliche Erfahrungen, driftet gar in eine national-konservative Ecke ab, weil er - so bilanziert Peters - in der Demokratie nie wirklich angekommen ist. Die Studie lohnt sich zu lesen.

          Susanne Peters: William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2013. 607 S., 56,- €.

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