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Stefan Winckler: Gerhard Löwenthal : „Der Kerl muss weg“, meinte Mielke

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Gerhard Löwenthal (1975) Bild: Foto Barbara Klemm

Er führte einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Verklärung des Ulbricht- und Honecker-Regimes: Eine Biographie Gerhard Löwenthals

          Was die Medien der Bundesrepublik an Blindheit und Wunschdenken gegenüber der alten DDR offenbarten, kann im Nachhinein nur als beschämend bezeichnet werden. Es herrschte die Tendenz vor, mit der Politik zu wetteifern, möglichst stabilitätsorientiert zu berichten. Wer möchte sich schon als Entspannungsgegner oder Antikommunist bezeichnen lassen?“ Das schrieb unmittelbar nach dem Mauerfall 1992 Jens Hacker in seinem bitteren Buch über „Deutsche Irrtümer: Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen“.

          Einen Mann mit seiner Sendung - hier im doppelten Sinne - nahm Hacker schon damals von diesem vernichtenden Verdikt aus: Gerhard Löwenthal mit seinem „ZDF-Magazin“. Stefan Winckler wurde bei seinen umfassenden Recherchen über den Journalisten und Moderator oft mitleidig belächelt oder stieß auf Unverständnis. War der nicht ein halber Nazi, zumindest rechtsradikal? Dabei handelte es sich um einen Mann, den der Magistrat von Groß-Berlin 1945 als „Opfer des Faschismus“ anerkannt hatte, Sohn eines orthodoxen jüdischen Deutschen, dessen - bis auf den Vater - jüdische Verwandte sämtlich ermordet wurden.

          Der 1922 geborene Gerhard Löwenthal wird nach dem Novemberpogrom 1938 in jenes KZ Sachsenhausen eingeliefert, das bald als „Speziallager“ von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) weiter „genutzt“ werden sollte. Im Krieg trägt er den gelben Stern, nach der Gestapo-Verhaftung - weil er anderen untergetauchten Juden geholfen hatte - entgeht er nur mit viel Glück und verwandtschaftlichen Verbindungen der Mutter der Deportation und überlebt in einem kriegswichtigen Optikerbetrieb, der auch die Brillen Heinrich Himmlers repariert. Ihm rettet schließlich das Kaddisch das Leben, weil er es dem schussbereiten Rotarmisten nach dem hastigen Dialog „Nicht schießen, ich bin Jude“ / „Du lügen, Du SS, alle Juden tot“ vorsingen kann. Er hat später nie ein Wort darüber verloren. Er hat seine Biographie, die ihn stärker gegen alle Anwürfe immunisiert hätte, später nicht instrumentalisiert, sondern seine zahlreichen Anfeinder still verachtet.

          Aber im biographische Ur- und Untergrund von Gerhard Löwenthal ist das nur die erste Hälfte seiner antitotalitären „Grundimpfung“. Die zweite Dosis folgt in den Berliner Jahren des Kalten Krieges. Auch wenn die Studie bisweilen etwas verschachtelt daherkommt, steckt sie voller zeitgeschichtlicher Pointen. Löwenthal, beim RIAS mit einer eigenen Ratgeber- und Reportagen-Sendung ausgestattet, berichtet 1948 so scharf von der kommunistischen Gleichschaltung der Universität Unter den Linden, dass ihm die SED-Verwaltungsdirektorin mitten in der Reportage das Mikrofonkabel durchtrennt. Sein hier erstmals etwas breiter gewürdigtes Engagement beim Aufbau der Freien Universität - in den offiziellen Darstellungen sucht man seinen Namen vergeblich - ist die logische Konsequenz.

          Auf einem Studentenkongress in Leipzig tritt er mutig gegen die SED-Gleichschaltung auf - der Delegierte der Humboldt-Universität schickt der Tagungsleitung daraufhin eine Botschaft: „Ich würde Löwenthal herausstellen (Strafvollzug Ostzone / Volksgerichtshof). Löwenthal muss man angreifen.“ Politisch neigt er der SPD zu, bewundert Ernst Reuter, den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Für seinen Schwiegervater Ernst Lemmer, Adenauers gesamtdeutschen Minister, ist er „der rote Gerhard“. Kein Wunder, dass ihn der Fernsehrat im Frühjahr 1968 einstimmig, auch mit den Stimmen der SPD und „SPD-Freunde“, mit der Leitung des „ZDF-Magazins“ betraut.

          Im Zuge von APO und neuer Ostpolitik trennen sich die Wege jedoch rasch. Löwenthal hält die rebellierenden Studenten für marxistische Wirrköpfe, die einem neuen Totalitarismus (und Terrorismus) den Boden bereiten - und sagt das an allen namhaften Universitäten öffentlich. Sofern man ihn lässt. Stinkbomben, Trillerpfeifen, Buttersäure werden seine unvermeidlichen Begleiter. „Verhindert Lehrauftrag für Anti-Kommunisten Löwenthal (ZDF!!)“. So heißt es auf Plakaten an der Universität Mainz 1971. Er wird geohrfeigt, mit Stühlen beworfen - und von Amtsrichtern kaum geschützt. „Es ist rechtens, sich gegen Figuren wie Löwenthal zu wehren, auf die Mittel kommt es an“, urteilt ein Darmstädter Richter, verhängt 100 D-Mark Geldstrafe.

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