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Sebastian Liebold: Kollaboration des Geistes : Fassadenpolierer des „Führers“

  • -Aktualisiert am

Friedrich Sieburg Bild: FAZ-Archiv

Die propagandistische Selbstinszenierung des „Dritten Reiches“ nahmen französische Rechtsintellektuelle für bare Münze, sie polierten die Fassade sogar noch kräftig auf, um ihr ein düsteres Krisen-Bild der Dritten Republik in Frankreich entgegenzusetzen.

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          Eine unheilvolle Liaison suggeriert der Titel des Buchs von Sebastian Liebold, das vergleichend die Bilder untersucht, welche deutsche und französische Rechtsintellektuelle zwischen der nationalsozialistischen Machtergreifung und dem deutschen Überfall auf Frankreich vom jeweiligen Nachbarn entwarfen. Das einigende Band dieser Autoren erkennt er darin, dass sie allesamt die parlamentarisch verfasste Demokratie ablehnten und autoritäre Ordnungen favorisierten. Zudem verstanden sie sich als Botschafter, die für das jeweils fremde Land warben - allerdings unter der expliziten oder stillschweigenden Voraussetzung, dass Frankreich sich den nationalsozialistischen Staat zum Vorbild nehme.

          Dessen propagandistische Selbstinszenierung nahmen die Autoren für bare Münze, sie polierten diese Fassade sogar noch kräftig auf, um ihr ein düsteres Krisen-Bild der Dritten Republik entgegenzusetzen. Die Antwort auf Frankreichs politische, ökonomische und moralische Krise wies die Anlehnung an das nationalsozialistische Deutschland - diesen Grundtenor arbeitet Liebold in den Schriften seiner Untersuchungsgruppe heraus. Daraus leitet er seine Kernthesen ab, dass die deutschen und französischen Autoren erstens eine Kollaboration avant la lettre betrieben hätten, dass sie zweitens Wegbereiter der französischen Niederlage von 1940 seien und drittens auch den Zusammenbruch des Dritten Reiches mit herbeigeführt hätten.

          Um diese einigermaßen gewagten Thesen zu belegen, beschäftigt sich Liebold intensiv mit einer kleinen Zahl von Rechtsintellektuellen, drei deutschen und drei französischen. Zwei Drittel davon sind durch neuere Biographien beziehungsweise einschlägige ideengeschichtliche Studien hinlänglich bekannt: Das gilt für Friedrich Sieburg, der als Pariser Auslandskorrespondent für die „Frankfurter Zeitung“ schrieb und 1939 in das Auswärtige Amt wechselte, ebenso wie für Karl Epting, der während der Untersuchungszeit das Pariser Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes leitete. Als notorischer Kollaborateur und Führerverehrer ist Alphonse de Châteaubriand bekannt; Bertrand de Jouvenel ist ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt. Lediglich bei André Germain und Johannes Stoye betritt der Autor Neuland.

          Der Aufbau der Studie ist stringent. Jeden der sechs Autoren untersucht der Autor nach demselben Schema: Einem knappen Abriss biographischer Einflüsse folgen Determinanten des Denkens, bevor Liebold Schriften über das jeweilige Nachbarland analysiert und abschließend deren Wirkung beleuchtet. Obwohl erst im Anschluss der systematische Vergleich folgt, liegt ein Großteil des Gewinns dieses Buches bereits in diesen Kapiteln, denn eine Stärke des Buches ist die tiefe empirische Durchdringung des Stoffes.

          Leider hält die methodische Reflexionstiefe damit nicht Schritt. Neuere Ansätze der Intellektuellengeschichte rezipiert Liebold nicht; das von ihm am ausführlichsten diskutierte Referenzwerk ist Gustav Droysens Historik. Dies hat Folgen für einen Punkt, der von zentraler Bedeutung für seine Hauptthese ist, nämlich die Frage, wie man die Wirkung von Intellektuellen messen kann. Darauf gibt Liebold keine Antwort; auch eine Definition seines Zentralbegriffs der „intellektuellen Kollaboration“ fehlt. Daher ist die Arbeit auf Zirkelschlüsse angelegt, denn als intellektuelle Kollaborateure bezeichnet der Autor alle, deren pro-deutsche Haltung zur Niederlage Frankreichs beigetragen hätten, die er wiederum aus ebendieser Haltung erklärt.

          Die Abschnitte über die Wirkung der sechs Autoren bieten eine Rezeptionsanalyse, die sich in erster Linie auf veröffentlichte Rezensionen der jeweiligen Werke stützt und damit Anhaltspunkte bietet, um die Bedeutung der Werke innerhalb der intellektuellen Debatten zu bestimmen. Die Schlussfolgerung, diese hätten die französische Niederlage begünstigt, wird damit nicht plausibler. Wenn man der Grundannahme des Buches nicht folgt, dass Intellektuelle das gesellschaftliche Meinungsklima prägen, und dass die dergestalt erzeugte kollektive mentale Disposition den Lauf der Geschehnisse formt, fällt die These des Buches in sich zusammen. Auch bleibt wegen der nicht konsequent verwendeten indirekten Rede oft unklar, ob der Autor Meinungen seiner sechs Protagonisten referiert oder eigene Positionen vertritt. Schiefe Bilder, falsche Analogien und schwer nachvollziehbare logische Verknüpfungen durchziehen den Text. Hinzu tritt eine Neigung Liebolds, die Anschlussfähigkeit seiner Autoren maßlos zu übertreiben. In Johannes Stoyes geopolitischer Betrachtung des arabischen Raums erkennt er prophetische Vorausdeutungen auf die „Facebook-Revolution“ 2011; alle Rechtsintellektuellen sind für ihn Gewährsmänner für Ulrich Becks These der reflexiven Moderne.

          Dass die liberale Demokratie in der Zwischenkriegszeit in der Krise steckte und autoritäre sowie faschistische Ordnungsentwürfe große Anziehungskraft auf Intellektuelle in ganz Europa ausübten, ist eine Binsenweisheit. Liebolds Studie bereichert die deutsch-französische Ideengeschichte, verfehlt aber ihr selbstgestecktes Ziel.

          Sebastian Liebold: Kollaboration des Geistes. Deutsche und französische Rechtsintellektuelle 1933-1940. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2012. 352 S., 78,- €.

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