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Rudolf Morsey/Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Adenauer und die FDP : Drastische Offenheit

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Alte Gegner, versöhnlich gestimmt? Dehler und Adenauer (1962) Bild: FAZ-Archiv

Bei Gesprächen zwischen Koalitionspartnern kann es hoch hergehen. Das belegen wörtlich protokollierte Verhandlungen zwischen der CDU/CSU und der FDP vom Dezember 1955.

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          Nach sechs Jahren turbulenter Koalition mit der FDP kam es Ende 1955 zum Showdown zwischen Konrad Adenauer und der Führung der FDP unter Thomas Dehler, dem bekanntesten Gegenspieler des Kanzlers. Die Protokolle der drei Besprechungen am 6., 7. und 13. Dezember sind das Highlight dieser Edition, in der von 238 Dokumenten immerhin 188 erstmals abgedruckt werden. Für alle übrigen Besprechungen gibt es nämlich keine Protokolle, nur nachträgliche Niederschriften einzelner Teilnehmer.

          Im Dezember 1955 war einmal alles anders. Der Bundeskanzler hatte die Parlamentsstenografen angefordert, weil er die Besprechung im großen Kabinettssaal des Palais Schaumburg „für so entscheidend wichtig“ hielt, „dass es richtig ist, wenn sie mitgeschrieben wird“. Und um ganz sicherzugehen, hatte er auch noch Mikrofone installieren lassen, mit denen die Besprechung auf Tonband mitgeschnitten wurde, eine - wie der Bearbeiter Holger Löttel in seiner Einführung betont, „unübliche, von keinem anderen Beispiel der damaligen Zeit bekannte Maßnahme“ (in der Tat sollte das ja erst bei amerikanischen Präsidenten - beginnend mit John F. Kennedy 1962 - zur Regel werden). Staatssekretär Hans Globke, der Chef des Bundeskanzleramtes, hatte den Kanzler im Übrigen davon abgeraten (ein Ratschlag, der auch für den amerikanischen Präsident Richard Nixon gut gewesen wäre; ihm wurden bekanntlich Tonbänder im Zusammenhang mit der Watergate-Affäre zum Verhängnis). Es sei nämlich, so Globke, „gefährlich, wenn solche Bänder draußen kursieren. Es kann ja Missbrauch damit getrieben werden. Durch einen Zufall könnten sie sogar in die Sowjetzone kommen.“ Adenauer hatte anders entschieden. Das Ergebnis war dann aber so brisant, dass die Protokolle und Bänder unter Verschluss gehalten und erst 2011 freigegeben wurden.

          Adenauer ging Dehler direkt an: „Sie wollen zunächst mal für die nächste Wahl für sich in Anspruch nehmen, dass Sie stärker für die Wiedervereinigung gewesen seien als die anderen Koalitionsparteien. Das ist das eine. Und zweitens nähern Sie sich in manchen Formulierungen so der SPD, dass es Ihnen möglich bleibt, für den Fall, dass der Ausgang der Wahl so ist, gemeinsam eine Regierung mit der SPD zu bilden. Das ist nach meiner Meinung Ihre Taktik.“ Und richtiggehend erregt: „Sie leben von fortgesetzten Angriffen auf mich. Sie leben von fortgesetzten Angriffen auf meine Partei. Können wir uns das denn gefallen lassen auf die Dauer? Ich lasse es mir nicht gefallen. Und ich lasse es mir auch nicht gefallen, Herr Dehler, das sage ich Ihnen mit größtem Nachdruck, dass ich von dem Vorsitzenden einer Koalitionspartei ständig und überall angegriffen werde. Das sage ich Ihnen in aller Krassheit, das mache ich nicht mehr mit!“ Dehler war denn „tief beeindruckt von diesem Maß des Grolls und der Ablehnung und der Vorurteile gegen mich, dass man mir die persönliche Lauterkeit abspricht, dass man mir vorwirft, doppelzüngig zu sein, menschlich nicht zuverlässig zu sein“.

          So ging das sieben Stunden hin und her. Diese Besprechungen zeigen in drastischer Offenheit die Schwierigkeiten seit Beginn der Koalition 1949. Im Dezember 1955 ging es um die Pariser Verträge und den damit verbundenen Beitritt der Bundesrepublik zur Nato. Dehler hatte gefordert, sie so zu modifizieren, „ dass sie tolerabel werden für Russland“. Dehler war eine durch und durch integre Persönlichkeit. Im „Dritten Reich“ hatte er zu seiner jüdischen Frau gestanden, jüdische Mitbürger als Rechtsanwalt vertreten. Dass ihm nun vorgeworfen wurde, doppelzüngig und menschlich nicht zuverlässig zu sein, traf ihn schwer.

          Dehler und mit ihm die FDP hatten Adenauers Westpolitik zunächst vorbehaltlos unterstützt. Erste Zweifel gab es bei der sogenannten Bindungsklausel im Deutschlandvertrag, mit dem auch ein wiedervereintes Deutschland an die Verpflichtungen gebunden werden sollte, die die Bundesrepublik einging. Für Dehler war dies der Beweis, dass Adenauer die Wiedervereinigung gar nicht wollte - und intervenierte. Zum Bruch kam es in der Saar-Frage. Das von Adenauer mit Frankreich ausgehandelte Saarstatut sah die Europäisierung des Saarlandes vor. Die FDP lehnte das ab. Dehler war „erschüttert, dass der erste Versuch scheiterte, Deutsche wieder mit Deutschen zu vereinigen“. Adenauer: „Ich habe Ihnen gesagt, dass ich mich noch niemals von einem politischen Gegner so angegriffen gefühlt habe, wie von Ihnen.“ Der Koalitionspartner Dehler als „politischer Gegner“ in einer Auseinandersetzung, die als „Briefkrieg“ in die Koalitionsgeschichte eingegangen ist!

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