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Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren : Es steht ein Soldat am Isarstrand ...

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Hitler im Gefangenenlager Traunstein Bild: Abbildung aus dem bespr. Band

Mit kriminalistischem Spürsinn geht Othmar Plöckinger den antisemitischen und antibolschewistischen Einflüssen nach, denen Adolf Hitler in den Jahren 1918 bis 1920 ausgesetzt war.

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          Am 13. August 1919 wurde der Student Otto Engelbrecht in München verhaftet. Er war auf frischer Tat ertappt worden, als er Zettel mit antisemitischen Parolen an Hauswände klebte: Die Juden hätten sich im Krieg gedrückt und es sich in Sommerfrischen und Badeorten gutgehen lassen. Worauf diese Hetzaktion letztlich zielte, zeigte ein Zettel, der in Form einer Fahrkarte gestaltet war - von München nach Jerusalem. Zum Auftakt des Strafprozesses, der am 7. Oktober 1919 begann, gab Engelbrecht zu Protokoll, er sei Antisemit, weil nach seiner Überzeugung die Juden „das deutsche Vaterland meuchlings ermordet hätten“. Als die Verhandlung zwei Wochen später fortgesetzt wurde, saß ein weiterer Mann auf der Anklagebank: Jean Schneckenburger, Sergeant im Schützenregiment 41. Der war ebenfalls mit antisemitischen Parolen hervorgetreten und ließ sich durch den Prozess nicht davon abhalten, seinen Vorgesetzten zu eröffnen, der „Kampf gegen das Judentum“ sei „kein Klassen-, sondern ein Rassenstreit“.

          Nun hat Jean Schneckenburger keine prominente Rolle im München der Nachkriegszeit gespielt. Sein Fall verweist jedoch auf die bedrohlich aggressive Stimmung innerhalb der Truppe, die sich durch die Demobilisierung des Weltkriegsheeres bei gleichzeitigem Aufbau der neuen Reichswehr in einem ebenso mühsamen wie frustrierenden Selbstfindungsprozess befand. Noch dazu war Schneckenburger ein Regimentskamerad Adolf Hitlers, der im Herbst 1919 kurzfristig zum Schützenregiment 41 kommandiert wurde. Tatsächlich werfen die antisemitischen Vorfälle, die in dieser Zeit die Münchner Justiz beschäftigten, ein bezeichnendes Licht auf das Umfeld, in dem sich Hitlers Weltanschauung ausformte.

          Über dieses Umfeld wissen wir, trotz einer schier überbordenden Forschung zum Nationalsozialismus, nicht allzu viel. Es ist daher das große Verdienst Othmar Plöckingers, Hitlers Militärzeit zwischen 1918 und 1920 erstmals auf Grundlage aller verfügbaren Dokumente nachgezeichnet zu haben. So vermag Plöckinger eindrucksvoll darzustellen, wie sich - begünstigt durch einen „veritablen Kompetenzwirrwarr“ innerhalb der militärischen Führung - ungeahnte Gestaltungsräume eröffneten. Sie wurden sichtbar, wenn das Militär im Kontext von Revolution und Räterepublik gezielt völkisch-radikale Organisationen förderte. Und sie ermöglichten die Karriere des Kriegsheimkehrers Hitler, der binnen weniger Monate aus einem unbekannten Soldaten zu einem stadtbekannten Antisemiten wurde.

          Mit einem geradezu kriminalistischen Spürsinn geht Plöckinger systematisch den antisemitischen und antibolschewistischen Einflüssen nach, denen Hitler ausgesetzt war. Dabei werden rasch Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede deutlich. So war das Verhältnis zum Bolschewismus in der militärischen Führung mehr als eindeutig, dienten ihr doch die offensiv vorgebrachten Warnungen vor Umsturz und Revolution als Rechtfertigung der eigenen Machtposition. Folgerichtig verstand sich etwa die neugegründete Propagandaabteilung unter Hauptmann Karl Mayr als weltanschauliche Bastion gegen die „Infizierung“ der Truppe mit bolschewistischen Ideen. Mit Blick auf den Antisemitismus fällt das Urteil hingegen ambivalent aus. Auf der einen Seite durfte etwa Hermann Passavant, Hauptmann in der Nachrichtenabteilung des Gruppenkommandos, im Juli 1919 ungehindert eine Denkschrift publizieren, in der die Anführer der Räterepublik als Vertreter der „jüdischen Rasse“ gebrandmarkt wurden, die „von alters her darauf gerichtet war, die Massen auszubeuten und selbst große Vermögen anzusammeln“. Andererseits zögerte die Münchner Stadtkommandatur keinen Moment lang, um Ostjuden vor den Übergriffen durch die antisemitisch beeinflusste Polizeidirektion zu schützen.

          Ein besonderer Vorzug des Buches liegt zweifellos darin, dass es unaufgeregt mit vermeintlichen Fakten aufräumt, die seit Anton Joachimsthalers Pionierstudie „Hitlers Weg begann in München“ als belastbar gelten. So erscheint Hitlers Verwendung im Kriegsgefangenenlager Traunstein jetzt vor allem als „eine Absicherung für Hitlers Verbleib im Heer“, da er als Soldat im Sicherungsdienst der Entlassung entgehen konnte. Die oft zitierte Kommandierung zur Münchner Bahnhofswache wiederum wirkt nunmehr hochgradig unwahrscheinlich. Ein neues Bild entsteht zudem, wenn Plöckinger die Erwähnung Hitlers als „Vertrauensmann“ seines Bataillons im April 1919 nicht in einen politischen, sondern in einen rein administrativen Zusammenhang stellt. Eine zeitweilige Nähe zur Linken hält Plöckinger grundsätzlich für nicht belegbar. Ebenso vehement widerspricht er der Einschätzung, Hitler sei bei seinem ersten Kontakt mit der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), der späteren NSDAP, am 12. September 1919 als Spitzel aktiv gewesen. Was nach Plöckingers quellenkritischen Untersuchungen übrig bleibt, ist vielmehr „das Bild eines in und von militärischen Stellen gut versorgten Aktivisten, der der aufstrebenden DAP als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde“.

          Von speziellem Interesse ist die eingehende Interpretation jenes Briefes, den Hitler am 16. September 1919 im Auftrag von Hauptmann Mayr an Adolf Gemlich, einen Gefreiten bei der Abwicklungsstelle des 12. Infanterieregiments in Ulm, verfasste. Dieses Dokument, in dem es um das Verhältnis von Mehrheitssozialisten und Antisemitismus geht, zeigt Hitler „auf der Höhe des antisemitischen Diskurses dieser Tage“. Tatsächlich vermag Plöckinger zu zeigen, welcher Versatzstücke sich Hitler bei der Ausführung dieses Propagandaauftrags bediente: Sie umfassten Elemente eines legistischen Antisemitismus, wie er beispielsweise von Heinrich Claß, dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbands, vertreten wurde, ebenso wie antikapitalistische Motive, die Hitler durch Gottfried Feders „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“ kannte. Was in diesem Brief jedoch völlig fehlt, ist ein Verweis auf den Bolschewismus - angesichts der Tatsache, dass gleichzeitig in München der Prozess um den Geiselmord im Luitpoldgymnasium, ein zentraler Bezugspunkt der Räterepublik, stattfand, ein beinahe irritierender Befund.

          Wer die schwierige Quellenlage zu Hitlers früher Münchner Zeit nur halbwegs kennt, wird wenig erstaunt sein, dass Plöckinger bisweilen an Grenzen stößt. So muss er sich statt eines echten Beweises hin und wieder mit Indizien zufriedengeben. Manches ist lediglich „anzunehmen“, von anderem „ist auszugehen“, und am Konjunktiv wird selten gespart. Hinzu kommt, dass der Autor nicht versucht, seine außerordentlich wichtigen, aber kleinteiligen Fundstücke in eine übergreifende Erzählung einzufügen, die Hitlers Aufstieg und die Herausbildung seiner Weltanschauung überzeugend deuten würde. Nicht nur die Frage, ob der verlorene Krieg und die wirtschaftliche Not für die Konturierung von Hitlers Antisemitismus tatsächlich wichtiger waren als die Erfahrung der Räterepublik, die als „kurzes Zwischenspiel“ erscheint, wird die Forschung weiter beschäftigen. Die Studie bietet dafür beste Voraussetzungen.

          Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren. Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918-1920. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 377 S., 39,90 €.

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