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Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren : Es steht ein Soldat am Isarstrand ...

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Ein besonderer Vorzug des Buches liegt zweifellos darin, dass es unaufgeregt mit vermeintlichen Fakten aufräumt, die seit Anton Joachimsthalers Pionierstudie „Hitlers Weg begann in München“ als belastbar gelten. So erscheint Hitlers Verwendung im Kriegsgefangenenlager Traunstein jetzt vor allem als „eine Absicherung für Hitlers Verbleib im Heer“, da er als Soldat im Sicherungsdienst der Entlassung entgehen konnte. Die oft zitierte Kommandierung zur Münchner Bahnhofswache wiederum wirkt nunmehr hochgradig unwahrscheinlich. Ein neues Bild entsteht zudem, wenn Plöckinger die Erwähnung Hitlers als „Vertrauensmann“ seines Bataillons im April 1919 nicht in einen politischen, sondern in einen rein administrativen Zusammenhang stellt. Eine zeitweilige Nähe zur Linken hält Plöckinger grundsätzlich für nicht belegbar. Ebenso vehement widerspricht er der Einschätzung, Hitler sei bei seinem ersten Kontakt mit der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), der späteren NSDAP, am 12. September 1919 als Spitzel aktiv gewesen. Was nach Plöckingers quellenkritischen Untersuchungen übrig bleibt, ist vielmehr „das Bild eines in und von militärischen Stellen gut versorgten Aktivisten, der der aufstrebenden DAP als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde“.

Von speziellem Interesse ist die eingehende Interpretation jenes Briefes, den Hitler am 16. September 1919 im Auftrag von Hauptmann Mayr an Adolf Gemlich, einen Gefreiten bei der Abwicklungsstelle des 12. Infanterieregiments in Ulm, verfasste. Dieses Dokument, in dem es um das Verhältnis von Mehrheitssozialisten und Antisemitismus geht, zeigt Hitler „auf der Höhe des antisemitischen Diskurses dieser Tage“. Tatsächlich vermag Plöckinger zu zeigen, welcher Versatzstücke sich Hitler bei der Ausführung dieses Propagandaauftrags bediente: Sie umfassten Elemente eines legistischen Antisemitismus, wie er beispielsweise von Heinrich Claß, dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbands, vertreten wurde, ebenso wie antikapitalistische Motive, die Hitler durch Gottfried Feders „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“ kannte. Was in diesem Brief jedoch völlig fehlt, ist ein Verweis auf den Bolschewismus - angesichts der Tatsache, dass gleichzeitig in München der Prozess um den Geiselmord im Luitpoldgymnasium, ein zentraler Bezugspunkt der Räterepublik, stattfand, ein beinahe irritierender Befund.

Wer die schwierige Quellenlage zu Hitlers früher Münchner Zeit nur halbwegs kennt, wird wenig erstaunt sein, dass Plöckinger bisweilen an Grenzen stößt. So muss er sich statt eines echten Beweises hin und wieder mit Indizien zufriedengeben. Manches ist lediglich „anzunehmen“, von anderem „ist auszugehen“, und am Konjunktiv wird selten gespart. Hinzu kommt, dass der Autor nicht versucht, seine außerordentlich wichtigen, aber kleinteiligen Fundstücke in eine übergreifende Erzählung einzufügen, die Hitlers Aufstieg und die Herausbildung seiner Weltanschauung überzeugend deuten würde. Nicht nur die Frage, ob der verlorene Krieg und die wirtschaftliche Not für die Konturierung von Hitlers Antisemitismus tatsächlich wichtiger waren als die Erfahrung der Räterepublik, die als „kurzes Zwischenspiel“ erscheint, wird die Forschung weiter beschäftigen. Die Studie bietet dafür beste Voraussetzungen.

Othmar Plöckinger: Unter Soldaten und Agitatoren. Hitlers prägende Jahre im deutschen Militär 1918-1920. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 377 S., 39,90 €.

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