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Oliver Decker/Johannes Kiess/ Elmar Brähler: Die Mitte im Umbruch; Thomas Kuban: Blut muss fließen : Wenn Grenzen verschwimmen

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Mitglieder der rechtsextremen Partei NPD am 01. Mai 2012 in Berlin Bild: dapd

Die Demokratie scheint auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts kein Selbstläufer zu sein. Umso wichtiger bleibt es, rechtsextreme Demokratiefeindlichkeit kontinuierlich zu analysieren. Dem widmen sich die Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker sowie ein freier Journalist, der unter dem Pseudonym Thomas Kuban publiziert.

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          Immer wieder beunruhigt und erschüttert Rechtsextremismus die Bundesrepublik. Die Demokratie scheint auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts kein Selbstläufer zu sein. Umso wichtiger bleibt es, rechtsextreme Demokratiefeindlichkeit kontinuierlich zu analysieren. Dem widmen sich die Psychologen Elmar Brähler und Oliver Decker. Seit 2006 erforschen sie alle zwei Jahre im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, wie verbreitet rechtsextreme Einstellungen in Deutschland sind. Nach ihren jüngsten Zahlen ist in Gesamtdeutschland zwischen 2010 und 2012 die Zahl derer, die ein geschlossen rechtsextremes Weltbild in sich tragen, von 8,2 auf 9 Prozent gestiegen - zu einem solchen Weltbild zählen die Autoren Antisemitismus, Chauvinismus, Diktaturbefürwortung, Fremdenfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Verharmlosung der nationalsozialistischen Diktatur.

          Stärker als die Vorgängerstudien Deckers und Brählers will die jüngste Ausgabe ihrer Untersuchungsreihe bei den Einzelaussagen differenzieren. So bemüht sie sich, zwischen Islamkritik und Islamfeindlichkeit zu unterscheiden und verschiedene Formen von Antisemitismus zu erfassen - sowohl bei Nichtmigranten als auch bei Migranten. Tatsächlich sind aber auch viele Fragen sehr unscharf formuliert. Dadurch verschwimmen Grenzen zwischen Rechtsextremismus und demokratischer Mitte. Kein Wunder ist es deshalb, wenn manche Aussagen auch jenseits des rechtsextremen Potentials auf zum Teil hohe Zustimmung stoßen.

          Die beiden Psychologen und ihr Team meinen, bereits einen Indikator für „Chauvinismus“ gefunden zu haben, wenn eine Person dafür plädiert, deutsche Interessen kraftvoll durchzusetzen (Zustimmung: 30 Prozent). Wie viele dieser Befragten befinden zugleich, gerade die europäische Integration diene deutschen Interessen? Darauf gibt die Studie keine Antworten. Die Aussage, zuweilen sei eine Diktatur die bessere Staatsform (Zustimmung: 7 Prozent), dürften auch Linksextremisten unterstützen. Besonders unpräzise formuliert ist die Frage, ob „man“ Hitler heute ohne Judenvernichtung als großen Staatsmann ansehen würde (Zustimmung: 11 Prozent). Fragen die Autoren hier danach, wie Befragte selbst das einschätzen oder wie sie die Einschätzungen ihrer Mitmenschen einschätzen oder beides? Wer der pauschalen Aussage, die islamische Welt sei rückständig und verweigere sich neuen Realitäten, zustimmt, gilt schon als islamfeindlich (Zustimmung: 58 Prozent). Wie viele junge Demonstranten in islamisch geprägten Ländern oder muslimische Intellektuelle in Deutschland würden dieser Aussage zustimmen?

          Lässt sich mit solchen Fragen und Antworten ein weitverbreiteter Rechtsextremismus der Mitte belegen, wie Brähler und Decker unterstellen? Interessant ist zumindest, wie die Zustimmung sinkt, wenn die Autoren ihre Fragen präziser formulieren. So meinen rund 10 Prozent der Befragten, der Nationalsozialismus habe auch gute Seiten gehabt. 8 Prozent befinden, die Geschichtsschreibung habe die NS-Verbrechen weit übertrieben dargestellt. Rechtsextremismus zu bekämpfen zählt zu den großen Herausforderungen der Zeit. Dafür braucht es zunächst exakte Diagnosen. Dazu leisten Brähler und Decker keinen übergroßen Beitrag.

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