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Luke Harding/ David Leigh: Wikileaks : Geheim soll es nicht mehr sein

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Clark Stoeckley am 17. Juni 2013 vor seinem Auto, das er zur Unterstützung Bradley Mannings selbst gestaltet hat Bild: AP

Das Buch der britischen „Guardian“-Redakteure erzählt die Geschichte der Veröffentlichung von Geheimmaterial aus dem amerikanischen Verteidigungs- und dem Außenministerium, übrigens einer enormen Masse solchen Materials, das von dem amerikanischen Soldaten Bradley Manning stammt.

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          Dieses Buch, schreibt der Chefredakteur der britischen Zeitung „The Guardian“ in seinem Vorwort, erzählt die Geschichte von der Verwandlung eines anonymen Hackers in einen der am meisten diskutierten Menschen der Welt. Na ja, nicht so ganz. Eigentlich erzählt es die Geschichte der Veröffentlichung von Geheimmaterial aus dem amerikanischen Verteidigungs- und dem Außenministerium, übrigens einer enormen Masse solchen Materials, das von dem amerikanischen Soldaten Bradley Manning stammt und über Julian Assange und dessen Baby Wikileaks in Zeitungen und Zeitschriften wie eben den „Guardian“, die „New York Times“ und den „Spiegel“ geschleust wurde.

          Autoren sind zwei Beteiligte, langgediente Redakteure des „Guardian“, die sich erfreulicherweise um eine ausgewogene Darstellung bemühen. Ihre Begeisterung über ihren tollen Mediencoup können sie dennoch nicht verhehlen. Warum sollten sie auch, war dieser doch ein generalstabsmäßig - und natürlich in größtmöglicher Geheimhaltung - vorbereitetes Presseereignis mit weltweiter, wenn auch eher kurzfristiger Resonanz. Freilich wird auch eingehend über die eher tragische Figur des die Veröffentlichungslawine auslösenden Whistleblowers Bradley Manning und über die eher bizarre Persönlichkeit des blonden Hackers und schwarzen Prinzen Julian Assange berichtet. Aber seine eigentliche Dramatik gewinnt das Buch durch etwas anderes. Luke Harding und David Leigh schildern detailliert, wie sie die Veröffentlichung des ihnen von Assange angebotenen Geheimmaterials von Wikileaks vorbereitet haben. Das bestand aus drei „Paketen“, den amerikanischen Kriegslogbüchern aus dem Afghanistan-Krieg und dem Irak-Krieg sowie den Berichten amerikanischer Botschaften aus aller Welt an die Zentrale in Washington.

          Wir erfahren viel über die Motive der handelnden Personen, jedenfalls über diejenigen Motive, von denen die handelnden Personen möchten, dass man sie ihnen zuschreibt. Wir werden auch eingehend über die Reaktionen von denen ins Bild gesetzt, die durch die Veröffentlichung des Geheimmaterials düpiert wurden, also vor allem das Pentagon und das State Department samt einer sich empörenden Außenministerin Hillary Clinton. Unterm Strich ist das Ganze, je nach Grundeinstellung des Beobachters, großes Welttheater oder eine doch recht armselige Geschichte. Die überbordenden Erwartungen der Hacker- und Whistleblower-Gemeinde - „die Wahrheit muss endlich ans Licht“ - sind in sich zusammengefallen, was nicht heißt, dass sie anhand anderer Entlarvungs-Feldzüge nicht immer wieder neu sprießen. Das Problem mit „der Wahrheit“ in der Politik besteht aber nun darin, dass sie nicht irgendwo aktenmäßig oder logbuchmäßig als ganze und unverstellt aufgehoben ist. Das denken die Geheimaufdecker zwar, aber sie irren. Harding und Leigh, alte Hasen des investigativen Journalismus, sind da schon klüger. Sie urteilen vorsichtiger: „die Wahrheit - in gewisser Weise“.

          Das umfangreiche Material hat, wo es um die beiden Kriege geht, einmal mehr unannehmbares Fehlverhalten der amerikanischen Streitkräfte öffentlich gemacht. Es hat im Fall der diplomatischen Depeschen eine Menge offen formulierter und zu großen Teilen leider auch völlig korrekter Urteile zugänglich gemacht, die von amerikanischen Diplomaten über politische Konstellationen und Personen in verschiedenen Ländern angestellt worden sind. Pikant ist das schon. Nachhaltigen Schaden hat es nicht angerichtet, trotz der pikiert-aggressiven Reaktion der Obama-Administration. Wirklichen Nutzen brachte es aber auch kaum jemandem, trotz des von Assange immer neu intonierten Triumphgeheuls.

          Dass die Grenzen zwischen geheim und öffentlich sowie zwischen privat und öffentlich erodiert sind und weiter mehr und mehr wegbrechen, ist inzwischen eine Binsenweisheit geworden, aber weitgehend ungetroffen geblieben. Leider bietet dieses ansonsten gut lesbare und wegen der Eskapaden von Julian Assange zu einer halb vergnügten, halb melancholischen Lektüre verführende Buch auch nur wenige Ansätze, um uns für dieses „Neuland Internet“ besser auszurüsten. Dabei geht der Strukturwandel des Öffentlichen weiter, worauf kurz im Epilog eingegangen wird.

          Die Aufdeckung der grenzenlosen Internetdaten-Sammelwut der amerikanischen National Security Agency verdeutlicht, wie weit wir uns in diesem Neuland schon verirrt haben. Edward Snowden wird mit dem Satz zitiert: „Die Wahrheit kommt ans Licht, und nichts und niemand kann sie aufhalten.“ Wäre es nur so! Was tatsächlich ans Licht kommt, sind die Kapazitäten und Strategien unterschiedlicher Akteure - Staaten, Unternehmen, Hackergruppen -, Datenkomplexe, die gar nicht oder zumindest nicht in komprimierter und collagierter Form für die Öffentlichkeit gedacht sind, zugänglich zu machen. Dabei geht es nicht um die Wahrheit, sondern nur um Macht.

          Luke Harding/David Leigh: Wikileaks. Julian Assanges Krieg gegen Geheimhaltung. Aus dem Englischen von Henning Hoff. Edition Weltkiosk, London/Berlin 2013. 284 S., 14,90 € .

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