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Kristin Helberg : Selbstblockade der Opposition

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Die syrische Handelsmetropole Aleppo Bild: AP

Die Politikwissenschaftlerin Kristin Helberg erlangt Einblick in viele Ecken der syrischen Gesellschaft, die Männern versperrt bleiben.

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          Die Alawiten geschlossen hinter Assad, die Opposition gespalten, die Aufständischen von Al Qaida unterwandert: Je länger der Konflikt in Syrien dauert, desto schneller sind die Urteile gefällt. Selbst aufmerksamen Mediennutzern fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Denn anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution gegen Syriens Präsident Baschar al Assad ist der anfangs friedliche Aufstand längst von einem blutigen Bürgerkrieg überlagert. Gegner wie Anhänger des Regimes nutzen das Chaos, um ihre eigenen Sichtweisen zu verbreiten.

          Kristin Helberg räumt mit manchem Klischee auf, das sich sogar in die Berichte etablierter Medien geschlichen hat. Zu einem Zeitpunkt, an dem westliche Nachrichtendienste davon ausgehen, dass die Endphase des Regimes begonnen hat, liefert sie wertvolle Informationen. Diese helfen, im Propagandakrieg die Übersicht zu bewahren. Zugute kommt dem Buch, dass die Autorin Einblicke in viele Ecken der komplexen syrischen Gesellschaft erlangte, die Männern versperrt bleiben. Sieben Jahre arbeitete die Politikwissenschaftlerin als einzige fest akkreditierte westliche Korrespondentin in Syrien, ehe sie wegen eines falsch ins Arabische übersetzten Assad-Porträts 2009 Berufsverbot erhielt.

          Frau Helberg schildert die konfessionelle Vielfalt des Landes, in dem Sunniten, Christen, Drusen und Alawiten über Jahrzehnte friedlich zusammenlebten. Und sie beschreibt, wie sich christliche und drusische Gläubige seit Beginn der Revolution kaum anders verhalten haben als ihre sunnitischen Mitbürger: „Die Mehrheit sitzt angstvoll zuhause, eine mutige Minderheit geht auf die Straße oder in den Untergrund.“ Nur für die Alawiten gelte das nicht, weil deren Schicksal so unglücklich mit dem Regime verwoben sei, dass Assads Krieg gegen die eigene Bevölkerung für sie zum Überlebenskampf geworden ist. „Überspitzt formuliert hat Alawit zu sein außerhalb der Assad-Herrschaft keine Bedeutung mehr.“

          Der Vater des jetzigen Präsidenten habe die im 9. Jahrhundert vom Mehrheitsschiitentum abgespaltene gnostische Glaubensgemeinschaft in diese schwierige Position gebracht, weil er ihre Mitglieder zwang, ihre Besonderheiten als Konfession zu verleugnen. Weil Hafiz al Assad den Alawiten eine eigene Repräsentanz verwehrte, „verschwammen religiöse, kulturelle und regionale Besonderheiten mit politischer Macht und dem Selbstverständnis des Sicherheitsapparates zu einer neuen alawitischen Identität“. Eine Distanzierung vom Regime komme für Alawiten deshalb „einem Abfall vom Glauben gleich“ - mit gefährlichen Konsequenzen, wie viele Oppositionelle erfahren mussten.

          Ungeachtet des Risikos spielen alawitische Frauen eine wichtige Rolle in der Protestbewegung, so etwa die Schriftstellerin Samar Yazbek oder die Schauspielerin Fadwa Suleiman, die im Frühjahr nach Frankreich floh. Die Autorin hat viele syrische Dissidenten getroffen. Das Kapitel „Überwacht, gefoltert, lebendig begraben: Syriens Oppositionelle“ beschreibt anschaulich, wie überrascht Michel Kilo, Riad Seif und andere über Jahre inhaftierte Intellektuelle vom breiten Aufstand waren, der im März 2011 in der Provinz begann und von einfachen Leuten getragen wurde, die ihre Protestgeneration des „Damaszener Frühlings“ 2001 nie erreichte. In lebendiger Reportageform wird nachgezeichnet, wie die Repression des Regimes schon in den siebziger Jahren viele ins Exil zwang, die eigentlich für Veränderung vor Ort kämpfen wollten. Hier liegen die Wurzeln für das gespaltene Verhältnis zwischen Auslands- und Inlandsopposition, das den Aufstand so lähmt.

          Insofern bestätigt das Buch die von vielen Nahost-Fachleuten geteilte Einschätzung, dass sich die syrischen Oppositionellen selbst blockieren - und anders als die libyschen Revolutionäre 2011 unfähig erscheinen, sich über ideologische Grenzen hinweg pragmatisch zusammenzuschließen. Frau Helberg liefert die Hintergründe, warum das so ist: Nach Assads Amtsantritt im Sommer 2000 sei der kleine Kreis zivilgesellschaftlicher Akteure auf die Veränderungsversprechen des jungen Präsidenten hereingefallen und habe dessen Wunsch nach wirtschaftlichem Aufschwung mit politischem Reformwillen verwechselt.

          Stillschweigende Rückendeckung erhielt Assad von westlichen Politikern, die hofften, Syrien aus dem Bündnis mit Iran und Hizbullah loszueisen, und dabei die Augen verschlossen vor seiner Unterdrückungspolitik im Innern. Dieser „schizophrene Umgang“ und die Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft angesichts mehr als 20 000 Toter - so beklagt Frau Helberg - sorgten letztlich dafür, dass religiös extremistischen Staaten und Gruppen wie Saudi-Arabien und Al Qaida das Feld überlassen wurde. So erst konnte „aus einer überreligiösen Freiheitsbewegung ein konfessionell aufgeladener Bürgerkrieg“ werden.

          Das moralisch redliche publizistische Engagement der Autorin für den Aufstand trübt an manchen Stellen des Buches allerdings die Analyse. Ihre simplifizierende Charakterisierung der Sunniten des Landes als wertkonservativ etwa blendet aus, dass diese nicht nur von religiösen und gesellschaftlichen, sondern auch von Machtinteressen geleitet sind, die unter der Assad-Diktatur keine Chancen auf Umsetzung hatten. So sympathisch Frau Helberg das konfessionelle Mosaik beschreibt, das ihren Alltag im ersten Jahrzehnt der Herrschaft Assads bestimmte, so wenig bildet es ein Bollwerk gegen gewaltsame religiöse Konflikte. Ein genauerer Blick nach Irak oder in den Libanon, wo Sunniten, Schiiten und Christen über Jahrhunderte nebeneinanderher lebten, ehe die Koexistenz im Bürgerkrieg zerbrach, hätte gereicht. Die Libanonisierung Syriens hat leider gerade erst begonnen.

          Kristin Helberg: Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land. Verlag Herder, Freiburg 2012. 200 S., 9,99 €.

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