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Kranish / Helman: The Real Romney : Die Führungskraft, die alles schafft?

Auf dem Weg als Herausforderer Mitte August 2012 in Nantucket, Mass. Bild: AP

Mitt Romney ist der Herausforderer von Präsident Obama. Zwei Journalisten des „Boston Globe“ haben das Selbstverständnis der Familie und den Aufstieg des Republikaners beschrieben.

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          “Eine Masse aus verfaultem Eiter und schimmelnder Gänsehaut; ein Stinktier mit dem Gesicht eines Affen, dem Charakter einer Laus, dem Atem eines Bussards und dem Lebenslauf eines Eidbrechers und notorischen Säufers.“ Verglichen mit diesem Leitartikel der Zeitung „The Apache Chief“ aus dem Jahr 1884, sind noch die negativsten Werbespots aus dem gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf Zeugnisse unverwüstlicher Nächstenliebe. Miles P. Romney, der Urgroßvater des Kandidaten, lebte damals mit seiner großen Familie in Arizona. Den Vornamen und den Beruf des Zimmermanns hatte er vom Vater geerbt, einem der ersten Engländer, die sich von den Missionaren des Propheten Joseph Smith nach Amerika locken ließen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Brigham Young, der Nachfolger des 1844 von einem Mob ermordeten Smith als Präsident der Kirche, schickte die Romneys dorthin, wo es etwas zu bauen gab, einen Tempel oder sogar eine ganze Stadt. Überall, wo sie hinkamen, sahen sich die Mormonen dem Hass der anderen Siedler ausgesetzt. 1862, mitten im Bürgerkrieg, unterzeichnete Präsident Lincoln ein Gesetz, welches das mormonische Institut der Vielehe verbot. Als die Zentralregierung das Verbot mit militärischer Gewalt durchsetzte, sandte die Kirche ihren treuen Baumeister Miles P. Romney mit seinen drei Frauen nach Mexiko. In einer Kolonie dort sollte die Polygamie überleben. Mitt Romneys Vater George wurde 1907 in Mexiko geboren. Fünf Jahre später wurden die Romneys wieder vertrieben. Als Revolutionäre die Farmen der Mormonen okkupierten, flohen viele Familien in die Vereinigten Staaten, wo sie Starthilfe aus dem Bundeshaushalt erhielten. Die Kirche hatte die Polygamie in der Zwischenzeit auf Weisung von oben abgeschafft.

          Michael Kranish und Scott Helman, Redakteure des „Boston Globe“, legen in ihrer so gründlichen wie fairen Biographie nahe, dass diese Verfolgungserfahrungen mehrerer Generationen tiefe Spuren im Selbstverständnis und Habitus von Mitt Romney hinterlassen haben. Einem mormonischen Freund sagte er einmal, die Romneys seien so gebaut, dass sie gegen den Strom schwimmen könnten: Man solle ihm getrost die unangenehmen Aufgaben überlassen. Das Metier dieser Patriarchensippe ist Aufbauarbeit in feindlicher Umgebung. „Gene der Führungskraft“ hätten die Väter den Söhnen vererbt, meinen die Autoren. Das gewagte Bild fällt zwar aus dem Rahmen ihrer nüchternen Analyse von Romneys Karriere, harmoniert aber mit dem weltanschaulichen Hintergrund der mormonischen Theologie. Die Lehre des Propheten Smith, dass die Menschen die Kraft haben, sich zu gottgleicher Stellung emporzuarbeiten, war eine volkstümliche Fassung von Spekulationen der frühen Evolutionstheorie.

          Bis heute erweist sich diese Ideenverbindung als fruchtbar im gewaltigen Erfolg der von mormonischer praktischer Theologie inspirierten Selbsthilfeliteratur. Stephen R. Covey, der unlängst verstorbene Autor des Bestsellers „Seven Habits of Highly Effective People“, besaß einen religionspädagogischen Doktortitel der Brigham-Young-Universität. Im Wahlkampf präsentiert sich Romney als Fachmann, der die „Sieben Gewohnheiten hocheffizienter Volkswirtschaften“ aufzählen kann. Als er 1966 für zwei Jahre als Missionar nach Frankreich ging, hatte er einen Klassiker des Genres im Gepäck: Ein Kirchenoberer aus Utah hatte ihm das 1937 erschienene Buch „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill empfohlen. Auf einem Schulungsseminar von Missionaren hielt Romney, ein 19 Jahre alter Student aus Stanford und Sohn des Gouverneurs von Michigan, einen Vortrag, den ein Zuhörer mit dem Satz zusammenfasste, dass „wir alles im Leben erreichen können, was wir wollen, wenn wir es nur heftig genug wollen“. Das entspricht dem Lehrstoff von Hill.

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