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Katja Happe et al.: Quellenedition zur Judenverfolgung Band 5 : Erfassung, Ausgrenzung, Deportation

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Abbildung aus dem besprochenen Band Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band

Während die Opfer beruhigt und getäuscht wurden, suchten die Täter in West- und Nordeuropa während der Jahre 1940 bis 1942 gleichzeitig den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden propagandistisch zu „legitimieren“.

          Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme flohen jüdische Flüchtlinge unter anderem in die Niederlande, nach Frankreich, Belgien, Luxemburg und Norwegen. Die Okkupation durch Deutschland im Mai und Juni 1940 brachte alle dort lebenden Juden in höchste Gefahr. Diese wurde von vielen zunächst unterschätzt, beteuerten doch die deutschen Besatzer regelmäßig, dass die jüdische Minderheit keinesfalls gefährdet sei. Damals schien den meisten noch undenkbar, dass NS-Deutschland alle Juden in Europa zu ermorden suchte. Am Ende stand jedoch nach zahlreichen Täuschungs- und Spaltungsmanövern die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder „in den Osten“ - das heißt in den sicheren Tod.

          Der fünfte Band der auf sechzehn Bände angelegten Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ beleuchtet, gestützt auf breite Recherchen, den Prozess der Erfassung und Viktimisierung der Juden in West- und Nordeuropa. Vor dem Hintergrund der höchst unterschiedlichen historischen und sozialen Bedingungen in den Ländern, unter denen die Angehörigen der jüdischen Minderheit lebten (so differierte der jüdische Bevölkerungsanteil zwischen 1,4 Prozent in den Niederlanden und 0,08 Prozent in Norwegen), tritt der typische Ablauf des Verfolgungsprozesses umso deutlicher hervor: Erfassung, Ausgrenzung, Ausplünderung, Verarmung, Isolierung, Zwangsarbeit, Sammellager, Deportation.

          Quellen unterschiedlicher Provenienz (Befehle, Verordnungen, Tagebücher, Briefe, Flugblätter, Denkschriften, Zeitungsartikel) markieren die Phasen der Verfolgung exemplarisch und konkret. Die sorgsam ausgewählten und edierten Dokumente zeigen den antisemitischen Ausgrenzungsprozess in den besetzten europäischen Ländern mit großer Prägnanz. Das Geschehen wird aus der Perspektive der Opfer, der Täter und Zuschauer eindrucksvoll beleuchtet. Die 328 Dokumente der Edition sind - jeweils nach okkupiertem Land - chronologisch geordnet. Nicht wenige von ihnen waren bislang unveröffentlicht. Einige erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung.

          Die Quellen lassen die Eskalation der Gefährdungslage in beklemmender Weise deutlich werden. Während die Opfer beruhigt und getäuscht wurden, suchten die Täter gleichzeitig den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden propagandistisch zu „legitimieren“. So berichtet zum Beispiel in einem norwegischen NS-Blatt ein einheimischer SS-Mann über seinen Einsatz in der Sowjetunion und die Ermordung von Juden in Lemberg: „An einem Ort bekamen wir 12 Juden zu fassen, die wir für uns arbeiten ließen. Schlechtere Arbeiter habe ich nie erlebt. Später stellte sich heraus, dass alle 12 Mörder waren. Es wurde ein Standgericht abgehalten und kurzer Prozess mit ihnen gemacht.“

          In Amsterdam kam es aus Protest gegen Massenverhaftungen von jüdischen Männern am 25. Februar 1941 zu einem Generalstreik, der während der Judendeportationen in Europa die Ausnahme bleiben sollte. Ein illegales Flugblatt hatte zum Widerstand aufgerufen: „Verlangt die sofortige Freilassung der inhaftierten Juden!!!“ Und: „Organisiert die Selbstverteidigung in den Betrieben und Wohnvierteln!!! Entzieht die jüdischen Kinder der Nazi-Gewalt, nehmt sie auf in Eure Familien!!!“

          Trotz solch mutiger Widerstandsaktionen waren in den Niederlanden, wie auch in den anderen Ländern West- und Nordeuropas, Angst, Indifferenz und Kollaboration sehr weit verbreitet. Nur deshalb konnte es den deutschen Besatzern überhaupt gelingen, in allen diesen Ländern große Teile der jüdischen Minderheit in die Vernichtungslager zu deportieren. In einer illegalen Broschüre aus den Niederlanden heißt es im Februar 1942 treffend zur weitverbreiteten mentalen Ambivalenz der Bevölkerung unter den Bedingungen der Okkupation: „Die Nazis fürchten unseren Widerstand.“ Sie „kennen jedoch auch unsere Schwäche und wissen, wie gerne wir unsere Hände in Unschuld waschen würden, wenn sie uns nur Gelegenheit dazu geben“. Über 80 Prozent der in den Niederlanden lebenden Juden wurden Opfer der Schoa.

          Hinweise, dass die Verschleppungen in den sichern Tod führten, verdichteten sich schon bald. Eine wichtige Quelle hierfür waren die Sendungen der BBC, die von weiten Teilen der Bevölkerung der besetzten Länder in Westeuropa heimlich eingeschaltet wurden. So heißt es in einem Bericht des britischen Geheimdienstes von Mai 1941 über die Lebensbedingungen in den Niederlanden, es sei „beinahe üblich, BBC zu hören“. In einem englischen Geheimdienstbericht von Dezember des gleichen Jahres wird betont: „Es ist strikt verboten, London zu hören, aber jeder tut es.“ So konnte nicht lange geheim bleiben, was „im Osten“ geschah. Eine niederländische Hausfrau aus dem nordholländischen Ort Heiloo notiert in ihrem Tagebuch zu umgehenden Gerüchten über das Schicksal der Deportierten am 29. Juni 1942: „In Polen wurden seit Mai 1940 700 000 Juden ermordet, die, bevor sie starben, ihr eigenes Grab schaufeln mussten. Getötet wurden sie mit Maschinengewehren oder in einer Gaskammer, immer +/- 90 Personen gleichzeitig vergast.“

          Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 5: West- und Nordeuropa. 1940-Juni 1942. Bearbeitet von Katja Happe, Michael Mayer und Maja Peers. Mitarbeit: Jean Marc Dreyfus. R. Oldenbourg Verlag, München 2012. 879 S., 59,80 €.

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