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Julia Volmer-Naumann: Bürokratische Bewätigung. : Mit bürokratischer Genauigkeit

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Die verwaltungstechnische Umsetzung dieser Maßnahmen wird von Frau Volmer-Naumann auf breiter Quellenbasis ausführlich untersucht, wobei sich gewisse Straffungen des Textes angeboten hätten. Sie kommt insgesamt zu einem bemerkenswert ausgewogenen Urteil: „Trotz der gesetzlichen und fiskalischen Beschränkungen, trotz (und auch wegen) der Verlagerung des Entschädigungsprozesses in ein reglementiertes Verwaltungsverfahren, trotz der vorhandenen NS-Vorbelastungen oder individuellen Vorurteile mancher Mitarbeiter konnten sich die münsterischen Antragsteller aber relativ sicher sein, dass ihr Antrag so schnell wie unter den gegebenen Umständen möglich mit bürokratischer Genauigkeit, relativer Neutralität, aber auch mit dem nötigen individuellen Verständnis von Seiten der ,Wiedergutmacher’ behandelt werden würde.“ Damit unterscheidet sich die Studie wohltuend von einem Großteil der Werke zu diesem Themenbereich, in denen zwar schnelle Urteile über die Verwaltungstätigkeit gefällt werden, sich die Autoren jedoch selten der Mühe unterziehen, ausführliche Quellenarbeit zu leisten.

Die Autorin arbeitet überzeugend das Spannungsfeld heraus, dem die „Ämter für Wiedergutmachung“ unterworfen waren. So forderte die Landesregierung die zuständigen Referenten zur Großzügigkeit gegenüber den Betroffenen auf, während die Rechnungsprüfer auf einen sparsamen Umgang mit bewilligten Mitteln drängten. Die „Wiedergutmachung“ sollte zudem nach Entschädigung der NS-Verfolgten bald abgeschlossen sein, so dass kaum Planstellen für diese vorübergehende „Sonderaufgabe“ bewilligt wurden.

Daneben nimmt Frau Volmer-Naumann das Verhältnis zwischen Antragstellern und Beamten in den Blick. Die NS-Verfolgten hatten oftmals negative Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie gemacht und begegneten der Behörde vielfach mit Misstrauen. Demgegenüber stand der Beamte, der mit einer verwaltungsimmanenten Skepsis auf den Antragsteller traf, was sich mit persönlichen Vorurteilen mengen konnte. Die Autorin stellt jedoch für den Regierungsbezirk Münster fest, dass der staatliche Auftrag der „Wiedergutmachung“ insgesamt relativ gut umgesetzt wurde, auch wenn die Standardisierung der individuellen Verfolgungsschicksale in einem Verwaltungsverfahren nicht ohne Reibungen verlief.

Frau Volmer-Naumann untersucht auch die Personalstruktur der „Ämter für Wiedergutmachung“, wo sowohl ehemalige NSDAP-Mitglieder als auch einstige NS-Verfolgte tätig waren. Bei der verwaltungstechnischen Umsetzung der „Wiedergutmachung“ scheint die persönliche Prägung der Beamten insgesamt aber kaum messbaren Einfluss gehabt zu haben. In diesem Zusammenhang hätte sich angeboten, noch genauer zu erforschen, ob ein ehemaliges NSDAP-Mitglied in der Verwaltungspraxis die Anträge von NS-Opfern anders bewertet hat als unbelastete Beamte. Es kann vermutet werden, dass dies im Einzelfall durchaus vorkam, sich in der Masse jedoch ein relativ einheitliches Verwaltungshandeln, bedingt durch die bestehende Gesetzeslage, zeigte. Nicht ohne Grund gelang der Aufbau der Demokratie nach 1945 trotz einer großen Anzahl an vorbelasteten Beamten in bemerkenswerter Weise.

Julia Volmer-Naumann: Bürokratische Bewältigung. Entschädigung für nationalsozialistisch Verfolgte im Regierungsbezirk Münster. Klartext-Verlag, Essen 2012. 512 S., 42, -€.

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