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Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann : Infame Abrechnung mit Elisabeth Noelle-Neumann

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Elisabeth Noelle-Neumann und Konrad Adenauer im Jahr 1962 Bild: Abb. aus dem besprochenen Band

Elisabeth Noelle-Neumann sei Zeit ihres Lebens einem „autoritären Führer-Gefolgschafts-Denken verhaftet“ geblieben. Das behauptet der Politikwissenschaftler Jörg Becker und missachtet wichtige Quellen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die seine These über die Demoskopin widerlegen.

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          Schaum vor dem Mund wirkt wie ein Brett vor dem Kopf. Man kann es auch klassisch, akademisch gebildet, formulieren: Sine ira et studio, ohne Zorn und Eifer. Diese Tacitus-Maxime bleibt eine dauerhafte methodische Richtschnur seriöser Geschichtsschreibung. Weit entfernt davon ist das Buch von Jörg Becker. Es ist eine eifernde Abrechnung mit Elisabeth Noelle-Neumann (geboren 1916, verstorben 2010), der „Phytia vom Bodensee“, der großen alten Dame und Mutter bundesdeutscher Demoskopie. „Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus“, so der Untertitel der Studie, weil dies lebenslang ihre ideologische Position gewesen sei. Schlimmer noch ist das Fazit des vom 68er-Jargon und -Fühl-Denken geprägten Autors vom Jahrgang 1946, der Ludwig von Friedeburg, dem „großen und kritischen Wissenschaftler“, für viele ausführliche Gespräche dankt: In ihrem „Alterswerk“ sei Frau Noelle-Neumann „mehr und mehr zu ihren ideologischen Wurzeln in der NS-Zeit“ zurückgekehrt. Sie habe „nie diese NS-Wurzeln gekappt. Was sie nach 1945 nur andeutend äußerte, formulierte sie im hohen Alter als Manifest.“ Sie sei zeit ihres Lebens „einem autoritären Führer-Gefolgschafts-Denken verhaftet“ geblieben.

          Ein Beleg für diese erschreckende, bilanzierende Behauptung ist Frau Noelles „Antisemitismus“ und ihr „Flirt mit dem Rechtsradikalismus“, insbesondere das Annehmen des „Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreises“ im Jahre 2006. Ihr Laudator war Kurt Reumann, langjähriger F.A.Z.-Redakteur. Implizit werden er und diese Zeitung gleich mit geohrfeigt. Jenen Preis verleihen tatsächlich Rechtskonservative, darunter die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, in der nicht nur Egon Bahr und andere Sozialdemokraten veröffentlichen. Wie „rechtsradikal“ oder NS-nah war Gerhard Löwenthal? Er war deutscher Jude und überlebte den Holocaust in Deutschland, weil er von Deutschen versteckt und somit gerettet wurde, was er „den“ Deutschen nie vergaß, denn er unterschied sehr wohl zwischen schuldigen, unschuldigen, mitlaufenden oder Widerstand leistenden Deutschen.

          Bis zu seinem Lebensende im Jahr 2002 praktizierte Löwenthal sein Judentum. Er schätzte Frau Noelle und sie ihn. Für die Vita einer NS-nahen Konservativen und „Antisemitin“ wäre dieses Detail nicht unwichtig. Dass Löwenthal jüdisch war, bleibt unerwähnt; auch wo und wie er den Holocaust überlebt hatte. Das hätte nicht in Jörg Beckers ideologische Schublade gepasst. So aber konnte er sowohl Löwenthal als auch Frau Noelle zu den Rechtsradikalen zählen. Diese gefühlsgeladene begrifflich-ideologische Unschärfe und Polemik kennzeichnet das bauchbetonte Denken Beckers zumindest in diesem Buch.

          “Rechte“, Frau Noelle-Neumann wertschätzende Juden wie Löwenthal sind Becker nicht recht, aber sie verdammende Juden nutzt er als Kronzeugen. Wo oder wenn deren Anti-Noelle-Neumann-Argumente enden, beginnt die politisch „wissenschaftliche“ Funktion ihrer jüdischen Herkunft.

          Akribisch hat der Autor, so scheint es, jedes Zitat Frau Noelles aus der nationalsozialistischen Zeit gesammelt. Genüsslich zitiert er. Interpretiert er auch? Ja, aus der Sicht der sicheren bundesdeutschen Demokratie. Dass in Diktaturen andere Überlebensnotwendigkeiten herrschen, kommt ihm nicht in den Sinn. So wenig wie die Tatsache, dass stramme Worte noch lange keine Taten bedeuten. Frau Noelles NS-Wort war nie ihre NS-Tat. Sie wegen des NS-Wortes in der NS-Zeit zur Helferin des NS-Mordes abzustempeln ist ebenso absurd wie unhistorisch. Die sachliche, gründliche historische Recherche ist Beckers Sache nicht. Beckers Untersuchungsobjekt hatte am Ende ihres Lebens den Namen geändert: nicht mehr Noelle-Neumann, sondern nur noch Noelle. Dafür gab es Gründe. Becker nennt sie nicht, fragt nicht einmal danach, er lässt dieses Faktum aus. Es wäre auch nicht unwichtig, denn ihr erster Ehemann, Peter Erich Neumann, war für Becker ein mindestens ebenso strammer Nazi bis und nach 1945.

          Beide sind verstorben, auch Löwenthal. Eine Maxime kann für Historiker trotzdem nicht gelten: „Über die Toten soll man nur Gutes reden.“ Gegen diese altrömische Weisung müssen seriöse Historiker verstoßen, wenn und weil sie sich - wie meistens - Toten widmen. So gesehen, sind Historiker pietätlos. Wie gesagt, sie müssen es sein. Falsch! Im lateinischen Original heißt es nämlich nicht bonum = Gutes, sondern bene = gut, adverbial im Sinne von angemessen, zutreffend oder richtig. Das wiederum bedeutet: Historiker haben sich an Tatsachen zu halten, sie sollen weder Lobpreisende noch Ankläger, Richter, Verteidiger oder gar alles zusammen sein. Tatsachen gelten, Empirie. Die belastenden ebenso wie die entlastenden Fakten - alle. „All the news that’s fit to print.“ Insofern unterscheidet sich seriöse journalistische Arbeit nicht von der wissenschaftlichen. Becker wählt aus, er entscheidet sich ausschließlich für die belastenden Fakten, ohne sie in Zeit und Raum einzuordnen. Um im nationalsozialistischen Jargon zu bleiben: Er „selektiert“. Gottlob nicht, wie Mengele in Auschwitz, den Menschen, sondern Tatsachen von dem Menschen. Menschlich ist diese wissenschaftliche Selektion nicht. Methodisch-historisch ist sie ungenügend.

          Jenseits der wirklich unschönen, klischeehaften, regime-angepassten Feld-Wald-und-Wiesen-NS-Wortsaucen, auf deren Wiedergabe verzichtet werden kann, weil sie für Menschenleben unschädlich blieben, erfahren wir, dass die junge, ehrgeizige Elisabeth Noelle in Berlin, Königsberg, München und Columbia/Missouri von 1935 bis 1939 studierte. „Diese Wahl . . . ist durchaus aussagekräftig: Berlin als Reichshauptstadt, Königsberg als preußische Traditionsuniversität und München als Hauptstadt der Bewegung.“ Die Leser sollen dies verstehen: In Berlin hatten Studenten direkten Zugang zu den Reichsbehörden, in München zu den NS-Größen im Braunen Haus und in Königsberg zum unheiligen Geist des Preußentums - doch sicher nicht zum Aufklärer Kant. Vollendet wird die Posse durch diese Analyse: Auch „ die Wahl des US-amerikanischen Studienortes Columbia passt in das ,braune Muster’ der drei deutschen Studienorte“. Natürlich, die Vereinigten Staaten waren der bestmögliche Raum für NS-Propaganda. Und, ja, die junge Elisabeth war ein eloquentes, engagiertes Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen“ - nicht der NSDAP. Mit solchen und ähnlichen Belegen ihrer NS-Ideologie bis und nach 1945 (natürlich im Umfeld der CDU) werden Beckers Leser gefüttert.

          Dass die „Entnazifizierungsbescheide“ dieser vermeintlichen „Nazisse“ eine „absichtliche und eklatante Fälschung“ gewesen sein sollen, überrascht die Leser nicht mehr. Im Privatarchiv von Frau Noelle lagert freilich eine Kopie der deutsch-französischen Originalfassung der Säuberungsbescheinigung vom 12. Juli 1950. Der dortige Vermerk lautet „Unbelastet“, was - anders als von Becker behauptet und sprachlich leicht nachvollziehbar - nicht mit „entlastet“ gleichzusetzen ist.

          Warum hat Becker nicht im Institut für Zeitgeschichte in München den Brief von Fritz Sänger an Erich Welter vom 19. April 1943 ausgewertet? Beide arbeiteten damals, wie Fräulein Noelle, für die „Frankfurter Zeitung“. Der Sozialdemokrat Sänger gehörte später zu den Vätern des Godesberger Programms, Welter ist der legendäre Gründungsherausgeber der F.A.Z. Thema des Sänger-Briefes: seine Empörung über das vom Goebbels-Ministerium eingeleitete Schreibverbotsverfahren gegen die junge Redakteurin. Sie lasse „jegliches politisches Fingerspitzengefühl vermissen“, lautete der Vorwurf der NS-Oberen. Aber einer der geistigen Väter des Godesberger Programms war ja „der überzeugte Antikommunist Carlo Schmid“, den - was Wunder? - Frau Noelle schätzte. Im Privatarchiv von Elisabeth Noelle in Piazoggna/Schweiz hätte Becker auch einen Brief an ihre Eltern - „Liebes Mum und lieber Psos“ - vom 2. Juli 1943 finden können, in dem sie ihnen mitteilt, dass in der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ „das Gangstertum geringer . . . als sonst“ in Deutschland sei. Ja, so haben bestimmt alle Nazis in Deutschland damals gedacht und geschrieben!

          Je länger man Beckers Buch liest, desto peinlicher ist man berührt - nicht von der Demoskopin, sondern von ihrem Biographen. Der setzt Worte des NS-Diktatur-Kauderwelsch mit echter Gesinnung und mit den NS-Untaten, den Verbrechen und Verbrechern gleich. Das Umfeld der CDU/CSU rückt er in deren Nähe. Eine solche Schwarz-Weiß-“Vergangenheitsbewältigung“ der Carl Schmitt’schen Art von „Freund oder Feind“ ist in Wissenschaft und Publizistik längst überholt.

          Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 369 S., 34,90 €.

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