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Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann : Infame Abrechnung mit Elisabeth Noelle-Neumann

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Beide sind verstorben, auch Löwenthal. Eine Maxime kann für Historiker trotzdem nicht gelten: „Über die Toten soll man nur Gutes reden.“ Gegen diese altrömische Weisung müssen seriöse Historiker verstoßen, wenn und weil sie sich - wie meistens - Toten widmen. So gesehen, sind Historiker pietätlos. Wie gesagt, sie müssen es sein. Falsch! Im lateinischen Original heißt es nämlich nicht bonum = Gutes, sondern bene = gut, adverbial im Sinne von angemessen, zutreffend oder richtig. Das wiederum bedeutet: Historiker haben sich an Tatsachen zu halten, sie sollen weder Lobpreisende noch Ankläger, Richter, Verteidiger oder gar alles zusammen sein. Tatsachen gelten, Empirie. Die belastenden ebenso wie die entlastenden Fakten - alle. „All the news that’s fit to print.“ Insofern unterscheidet sich seriöse journalistische Arbeit nicht von der wissenschaftlichen. Becker wählt aus, er entscheidet sich ausschließlich für die belastenden Fakten, ohne sie in Zeit und Raum einzuordnen. Um im nationalsozialistischen Jargon zu bleiben: Er „selektiert“. Gottlob nicht, wie Mengele in Auschwitz, den Menschen, sondern Tatsachen von dem Menschen. Menschlich ist diese wissenschaftliche Selektion nicht. Methodisch-historisch ist sie ungenügend.

Jenseits der wirklich unschönen, klischeehaften, regime-angepassten Feld-Wald-und-Wiesen-NS-Wortsaucen, auf deren Wiedergabe verzichtet werden kann, weil sie für Menschenleben unschädlich blieben, erfahren wir, dass die junge, ehrgeizige Elisabeth Noelle in Berlin, Königsberg, München und Columbia/Missouri von 1935 bis 1939 studierte. „Diese Wahl . . . ist durchaus aussagekräftig: Berlin als Reichshauptstadt, Königsberg als preußische Traditionsuniversität und München als Hauptstadt der Bewegung.“ Die Leser sollen dies verstehen: In Berlin hatten Studenten direkten Zugang zu den Reichsbehörden, in München zu den NS-Größen im Braunen Haus und in Königsberg zum unheiligen Geist des Preußentums - doch sicher nicht zum Aufklärer Kant. Vollendet wird die Posse durch diese Analyse: Auch „ die Wahl des US-amerikanischen Studienortes Columbia passt in das ,braune Muster’ der drei deutschen Studienorte“. Natürlich, die Vereinigten Staaten waren der bestmögliche Raum für NS-Propaganda. Und, ja, die junge Elisabeth war ein eloquentes, engagiertes Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen“ - nicht der NSDAP. Mit solchen und ähnlichen Belegen ihrer NS-Ideologie bis und nach 1945 (natürlich im Umfeld der CDU) werden Beckers Leser gefüttert.

Dass die „Entnazifizierungsbescheide“ dieser vermeintlichen „Nazisse“ eine „absichtliche und eklatante Fälschung“ gewesen sein sollen, überrascht die Leser nicht mehr. Im Privatarchiv von Frau Noelle lagert freilich eine Kopie der deutsch-französischen Originalfassung der Säuberungsbescheinigung vom 12. Juli 1950. Der dortige Vermerk lautet „Unbelastet“, was - anders als von Becker behauptet und sprachlich leicht nachvollziehbar - nicht mit „entlastet“ gleichzusetzen ist.

Warum hat Becker nicht im Institut für Zeitgeschichte in München den Brief von Fritz Sänger an Erich Welter vom 19. April 1943 ausgewertet? Beide arbeiteten damals, wie Fräulein Noelle, für die „Frankfurter Zeitung“. Der Sozialdemokrat Sänger gehörte später zu den Vätern des Godesberger Programms, Welter ist der legendäre Gründungsherausgeber der F.A.Z. Thema des Sänger-Briefes: seine Empörung über das vom Goebbels-Ministerium eingeleitete Schreibverbotsverfahren gegen die junge Redakteurin. Sie lasse „jegliches politisches Fingerspitzengefühl vermissen“, lautete der Vorwurf der NS-Oberen. Aber einer der geistigen Väter des Godesberger Programms war ja „der überzeugte Antikommunist Carlo Schmid“, den - was Wunder? - Frau Noelle schätzte. Im Privatarchiv von Elisabeth Noelle in Piazoggna/Schweiz hätte Becker auch einen Brief an ihre Eltern - „Liebes Mum und lieber Psos“ - vom 2. Juli 1943 finden können, in dem sie ihnen mitteilt, dass in der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ „das Gangstertum geringer . . . als sonst“ in Deutschland sei. Ja, so haben bestimmt alle Nazis in Deutschland damals gedacht und geschrieben!

Je länger man Beckers Buch liest, desto peinlicher ist man berührt - nicht von der Demoskopin, sondern von ihrem Biographen. Der setzt Worte des NS-Diktatur-Kauderwelsch mit echter Gesinnung und mit den NS-Untaten, den Verbrechen und Verbrechern gleich. Das Umfeld der CDU/CSU rückt er in deren Nähe. Eine solche Schwarz-Weiß-“Vergangenheitsbewältigung“ der Carl Schmitt’schen Art von „Freund oder Feind“ ist in Wissenschaft und Publizistik längst überholt.

Jörg Becker: Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 369 S., 34,90 €.

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