https://www.faz.net/-1v1-7gws6

Jakob Augstein: Sabotage : Körpereinsatz in der Politik

  • -Aktualisiert am

Jakob Augstein am 02. August 2012 in Berlin Bild: dapd

Der Erbe und Verleger Jakob Augstein prangert „die Entfremdung der Politiker von ihren Wählern“ an. Jeder müsse selbst Verantwortung übernehmen. Im digitalen Zeitalter sei „mit dem Verschwinden des Körpers“ zu rechnen.

          2 Min.

          Der Buchtitel klingt nach Krimi. Jakob Augstein, 46 Jahre alter Erbe und auch Verleger einer Wochenzeitung, legt zur Bundestagswahl eine meinungsstarke Politik-Diagnose vor, bei der neben anderen Angela Merkel und Peer Steinbrück ihr Fett abbekommen. Der einen gehe es nur um Machterhalt, dem anderen fehle jede Selbstkritik. Steinbrück kassierte zwischen 2009 und 2012 als Redner 1,25 Millionen Euro für 81 Vorträge, darunter für eine Diskussion bei der Stadt Bochum, „die mehr oder weniger pleite ist“, 25 000 Euro. Dazu meint Augstein: „Man muss sich das vorstellen: Steinbrück unterschrieb einen Vertrag, der ihm an einem Nachmittag das halbe Jahresgehalt eines durchschnittlichen Wählers einbringen wird, und es kümmert ihn nicht, von wem der Auftrag stammte? So hat er das selbst beschrieben. Alles sei über seine ,Agentur’ gelaufen. In welcher Welt lebt so ein Mann? Sicher nicht in der des SPD-Ortsvereins.“ Schwerstes Geschütz wird gegen die Union aufgefahren: „Unter Angela Merkel hat sich die Partei darauf verlegt, gleichzeitig das Sicherheitsbedürfnis der Kleinbürger zu bedienen und die Kapitalinteressen von Banken und Industrie.“ Merkel habe die Mitte vernachlässigt und eine „Entbürgerlichung der CDU“ herbeigeführt.

          Augsteins Buch gliedert sich in die Teile „Regime“, „Reflex“ und „Reaktion“, aufgelockert durch Gespräche mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt und dem Politologen Wolfgang Kraushaar. Letztgenannter - ehemaliger Hausbesetzer - mahnt heutige Wutbürger: „Auch eine Regelverletzung muss ohne Gewalt ablaufen.“ Doch Augstein blickt vers(p)onnen nach Frankreich, wo 2008 Betonplatten auf Schienen und Eisenkrallen in Oberleitungen den Bahnverkehr lahmlegten: „In Deutschland würde man in solchen Fällen von Anschlägen sprechen, in Frankreich benutzte die Presse das Wort ,sabotage’.“

          Dieser Begriff ermögliche eine Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Personen und Gewalt gegen Sachen. Sabotage könne eine „aktive Form des zivilen Ungehorsams“ sein und jene „Abgrenzungsrealität“ darstellen, die „dem System abhandengekommen“ sei. Manches Fragezeichen setzt Augstein vorsichtshalber, trotz des „Sabotage“-Buchtitels, der sich als Empfehlung liest. Jedenfalls beflügelt ihn die „neue Lust an der Partizipation“, die „dem Volk das Opium der Kapitalismusreligion“ austreibe. Und er prangert „die Entfremdung der Politiker von ihren Wählern“ an. Jeder müsse selbst Verantwortung übernehmen. Im digitalen Zeitalter sei „mit dem Verschwinden des Körpers“ zu rechnen, was im Piraten-Konzept der „Plattformneutralität“ anklinge. Doch ohne Körper fehle der Politik etwas: „Das letzte Argument. Der höchste Einsatz.“ Der Körper sei das Einzige, was sogar „den Kapitallosen“ zur Verfügung stehe. Dem wird auch niemand widersprechen können.

          Jakob Augstein: Sabotage. Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen. Carl Hanser Verlag, München 2013. 299 S., 18,90 €.

          Topmeldungen

          Allein joggen gehen? Unsere Autorin macht das nur bei Tageslicht (Symbolbild).

          Der Moment.... : ...in dem ich mich nicht mehr sicher fühlte

          In der Pandemie gibt es für unsere Autorin einen Zufluchtsort: den Weiher ums Eck. Dort ist sie fast täglich joggen oder spazieren. Und genau dort ist nun eine Frau vergewaltigt worden. Der Täter ist auf der Flucht, und das Joggen unserer Autorin? Ist ausgesetzt.