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Helmut Kohl: Berichte zur Lage 1989-1998 : Der Dompteur spricht . . .

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Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl am 09.09.1998 in Bonn Bild: Wolfgang Eilmes

Wer den kraftstrotzenden Helmut Kohl erleben und erfassen will, den Dompteur der Partei, Motivator von Spitzenfunktionären, Abrechner mit politischen Gegnern und Mutmacher seiner Anhängerschaft, dem ist ein von Günter Buchstab und Hans-Otto Kleinmann herausgegebener Wälzer sehr zu empfehlen.

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          In letzter Zeit ist viel über den Kanzler der Einheit und des Euro geschrieben und gesprochen worden, zumal die CDU den dreißigsten Jahrestag seines Regierungsantritts gebührend feierte. Auf einer internen Fraktionssitzung und auf einer öffentlichen Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Deutschen Historischen Museum in Berlin wirkte der gebrechliche Kohl wie ausgestellt. Wer jedoch den kraftstrotzenden früheren Helmut Kohl erleben und erfassen will, den Dompteur der Partei, Motivator von Spitzenfunktionären, Abrechner mit politischen Gegnern und Mutmacher seiner Anhängerschaft, dem ist ein von Günter Buchstab und Hans-Otto Kleinmann herausgegebener Wälzer sehr zu empfehlen.

          Die „Berichte zur Lage“, die der Regierungschef und Parteivorsitzende zwischen dem 9. Oktober 1989 und dem 22. Oktober 1998 im Bundesvorstand der CDU erstattete, überliefert als Tonbandmitschnitte und bisher im Archiv der Adenauer-Stiftung verborgen, liegen gedruckt und kompetent kommentiert vor - eine erstklassige Quelle zum zweiten Teil der „Ära Kohl“, ein vielfältiges Geschichtsbuch über das Ende der Bonner Republik und den Anfang der Berliner Republik aus dem Blickwinkel des deutschen Hauptakteurs. 113 Reden legen Zeugnis davon ab, wie der Parteiführer das dreißigköpfige Führungsgremium (darunter der Generalsekretär, die fünf stellvertretenden Vorsitzenden und der Schatzmeister) einzubinden verstand. Hin und wieder mussten Meinungsdifferenzen der Parteielite entschärft oder ausgeräumt werden. Kohl hatte die schwierige Balance zwischen Regierungs-, Koalitions- und Parteiinteressen zu wahren, was häufige Missfallensbekundungen über kritische Stimmen aus der CDU an der FDP verdeutlichen. Vertrauliches enthüllten die Reden, die Kohl frei hielt, „gestützt auf Materialsammlungen und anhand eigener Notizen, von denen nur wenige erhalten sind“, allerdings nicht.

          In den parteiinternen Vorträgen sei „der O-Ton Kohls ungeschminkt und unmittelbar wahrnehmbar, authentischer und körperhafter“ als in offiziellen Ansprachen, Presseerklärungen, Interviews, Artikeln und den „Erinnerungen“. Diese liegen für die Jahre von 1930 bis 1994 vor (veröffentlicht 2004, 2005 und 2007). Ob und wann ein vierter Band über die 13. Wahlperiode samt Kohls Abgang, seinen vorübergehenden medialen und parteipolitischen Absturz infolge der Spendenaffäre sowie seine Heimholung in den Schoß der Merkel-CDU anlässlich des 75. Geburtstages erscheint, dürfte wohl von seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter abhängen. Jedenfalls existiert für die Phase von 1994 bis 1998 mit dieser Edition eine Art Vorab- oder Ersatzmemoiren. Buchstab und Kleinmann, die jahrzehntelang leitende Funktionen bei den „Wissenschaftlichen Diensten/Archiv für Christlich-Demokratische Politik“ der Adenauer-Stiftung innehatten, danken dem „Autor“ Kohl, der sogar Hindernisse „für die Publikation beseitigen half“.

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