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Helmut Kohl: Berichte zur Lage 1989-1998 : Der Dompteur spricht . . .

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Elfhundert Seiten Kohl sind etwas für zeithistorische Feinschmecker und Unions-Enthusiasten mit Durchhaltevermögen. Die Themenvielfalt ist enorm, das Sachregister bei der Lektüre hilfreich. Statt einer Aufzählung von Personen und Problemen beschränkt sich der Rezensent auf ein paar Kostproben. Am 27. August 1990 stimmte Kohl den Bundesvorstand darauf ein, dass sich die alte Bundesrepublik auf den 3. Oktober als „Übernahme der Verantwortung für Gesamtdeutschland vorbereiten“ müsse: „Dabei möchte ich nur beiläufig sagen, so schlecht wäre der 3. auch im Jahresablauf nicht als Nationalfeiertag der Deutschen. Normalerweise haben wir Anfang Oktober eine gute Jahreszeit, in den Weingegenden ist Weinlese, in anderen Gegenden ist Erntedank, es ist auch sonst nach der Ferienzeit, es wäre ein Feiertag, der nicht nur von Grab zu Grab geht, wo alles mit betroffenem Gesicht dasteht und denkt, wenn es nur vorüber ist. Ich meine, man muss sich über die Heuchelei ja wirklich keine Illusionen machen. Wir brauchen einen neuen Nationalfeiertag, und vieles spricht für diesen Tag.“

Schon Mitte September betonte der Kanzler: „Europäische Gesinnung heißt nicht, dass wir eine Destabilisierung der D-Mark vornehmen.“ Einige Jahre später, im Januar 1997, forderte er mehr europäisches Engagement der CDU, gerade bei der Währungsunion: Es wäre ein Verrat am „Geist des Anfangs unserer Republik“, wenn „wir jetzt vor diesem oder jenem Einwand des Zeitgeistes zurückweichen würden“. Im September 1997 meinte er, es gebe Gerede, vor allem auch in Brüssel: „Ich sei so europafanatisch, dass die Frage der stabilen Währung für mich zweitrangig sei. Das ist Unsinn.“

Im Januar 1998 blickte der Parteichef zurück auf den Herbst 1989, erinnerte an die damalige „tiefe Skepsis und zum Teil Bitterkeit über die deutsche Vereinigung“ bei den Staats- und Regierungschefs in Europa und daran, dass „ohne das Eingebundensein Deutschlands in die europäische Gemeinschaft und in die Nato“ und ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten die Einheit nicht möglich gewesen wäre. Mit Blick auf die Bundestagswahl bat er die Parteielite, sich nicht von den Zweiflern an den EU-Entscheidungen beeindrucken zu lassen: „Die Karawane Europa muss in Deutschland weiterziehen.“ Im Februar 1998 gestand er ein, von ihm heiße es mittlerweile in Brüssel, er sei „so europaverrückt“, dass er alles mitmache: „Das ist ein großer Irrtum.“

Am 27. September 1998 erfolgte die schwarz-gelbe Wahlniederlage, am 28. September erklärte Kohl, dass Rot-Grün eben „kein Schreckgespenst“ mehr sei, dass die CDU von der Wirtschaft finanziell „weniger Unterstützung als in vielen vergangenen Wahlen gehabt“ habe, dass Teile der evangelischen Kirchen seine Regierung „um jeden Preis“ weghaben wollten, dass der katholische Bischof von Fulda geäußert habe, der Wähler könne sich „nur zwischen Pest und Cholera“ entscheiden. Am 6. Oktober schob er nach: Am Wahlsonntag habe im Dom zu Speyer ein Jesuitenpater „sozialistischen Scheiß“ gepredigt. Für das CDU-Konzept von Familienpolitik habe die Partei „kaum mehr Truppen“. Die Partei müsse „die ganzen Facetten der Veränderung der Republik zur Kenntnis nehmen“, dazu gehöre auch die Rechts- und Innenpolitik. Und am 22. Oktober wehrte er sich gegen den Vorwurf, „Vorsitzender einer sozialdemokratisierten Partei“ gewesen zu sein. Unter denen, die dies behaupteten, wären Leute, „die bisher für die CDU außer allgemeinem Gequake und dummem Geschwätz keine Beiträge geleistet haben“. Eigene Fehler blendete er bei seinem larmoyanten Resümee von 16 Regierungsjahren aus.

Rainer Blasius

Helmut Kohl: Berichte zur Lage 1989-1998. Der Kanzler und Parteivorsitzende im Bundesvorstand der CDU Deutschlands. Droste Verlag, Düsseldorf 2012. 1150 S., 69,- €.

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