https://www.faz.net/-1v1-732qb

Hans-Peter Schwarz: Helmut Kohl : Überlebensgroß Herr Kohl

  • -Aktualisiert am

Helmut Kohl mit seiner zweiten Frau Maike Richter, 2012 Bild: REUTERS

Der Kanzler der Einheit und des Euro hat „Gutes gewollt und auch viel Gutes bewirkt“, war aber viel zu vertrauensvoll gegenüber Paris. Das ist das Resümee der neuen Kohl-Biographie.

          Helmut Kohl wollte immer der politische Enkel Konrad Adenauers sein. Daher wird es ihn freuen, dass sich Adenauer-Biograph Hans-Peter Schwarz mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung seines Werdens und Wirkens angenommen hat. Ein süffig und manchmal süffisant geschriebener, durchaus kritischer, wenn auch überzuckerter Brocken von tausend Seiten liegt pünktlich zur 30. Wiederkehr der Wahl zum Bundeskanzler vor. Der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Schwarz, nur vier Jahre jünger als Kohl und während der achtziger und neunziger Jahre in Bonn einflussreicher Vertreter seiner Zunft, wohlgelitten in Union und Adenauer-Stiftung, erzählt aus der „Halbdistanz“ vom unaufhaltsamen Aufstieg des Ludwigshafeners über Zwischenstationen als „Kurfürst von Mainz“ und Oppositionsführer im Bundestag zum Kanzler der Einheit und - noch ein bisschen mehr - des Euro.

          Der 1930 geborene Kohl stammt aus dem „unstudierten Kleinbürgertum“. Nach dem Kriegsende geriet er als Schüler und Student in den Bannkreis von Johannes Finck, einem ehemaligen Zentrumsmann, der zu den Befürwortern der überkonfessionellen CDU zählte und erster Vorsitzender der pfälzischen CDU war. Finck, dessen Bruder Albert Kultusminister wurde, war Lehrmeister und Förderer Kohls. Dessen Nachlass schlachtete Kohl später für seine Doktorarbeit über das Wiedererstehen der Parteien in der Pfalz nach 1945 aus. Als Organisationstalent und robusten Dirigenten der Wahlkämpfe schildert der Biograph seinen Helden. Schwarz sieht ihn als „Parteitier“ und „Familientier“. In seinem Leben hätten starke Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Hier zieht Schwarz gleich zu Beginn eine Linie von Kohls Mutter Cäcilie über Ehefrau Hannelore und Büroleiterin Juliane Weber bis zu Maike Kohl-Richter. Im Mai 1963 wurde er Fraktionsvorsitzender im Landtag, im April 1969 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Die Geschlossenheit der Partei sei für ihn das A und O gewesen. Schwarz erkennt in ihm eine Art „Volksheld - herzhaft, oft auch herzlich“, notfalls grob und „auf der Dampfwalze einherfahrend“, ein Politiker mit langem Atem, der erkannte, dass ein Ministerpräsident den Marschallsstab des Bundeskanzlers im Tornister trage, aber zusätzlich den - 1973 errungenen - Vorsitz der Bundespartei benötige.

          Den steinigen Weg ins Kanzleramt zeichnet Schwarz minutiös nach. Und er weist auch auf Gespräche Kohls mit Adenauer in Rhöndorf hin, die der CDU-Aufsteiger „als eine Art Vermächtnis“ empfand. Kenntnisreich - teilweise aus eigenem Erleben - widmet sich Schwarz den Beratern Kohls: Horst Teltschik, Eduard Ackermann und vielen anderen. Juliane Weber wird als „Kohls Mädchen für alles“ vorgestellt und jene „bösen Zungen“ werden gerügt, die flüsterten, „die effektive und fesche, mit einem ZDF-Direktor verheiratete Juliane Weber sei mehr als nur Kohls Büroleiterin“.

          Kohls Ringen mit CSU-Chef Franz Josef Strauß, die innerparteiliche Kritik an seiner Person und seine Erneuerung des Parteiapparats werden behandelt, die Rolle von Elisabeth Noelle-Neumann wird herausgestellt. Die Demoskopin habe einen konservativen Einfluss auf ihn ausgeübt und als gut getarnte Nationalistin „unablässig in der Asche herumgestochert, um empirisch verlässliche Indizien zu entdecken, dass das Nationalgefühl in Ost und West noch nicht erloschen“ sei. Sie habe 1989/90 den Bundeskanzler „angespornt, den abenteuerlichen Ritt zur Wiedervereinigung zu riskieren“.

          Der Kanzlerkandidat verfehlte 1976 gegen Helmut Schmidt (SPD) knapp sein Ziel, und trotz seines Wechsels nach Bonn als CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender musste er 1980 Strauß den Vortritt lassen. Dann kam das „Warten auf Genscher“, schließlich der Koalitionswechsel der FDP. Am 1. Oktober 1982 war Kohl Bundeskanzler. Anfangs machte er viele Fehler, weil er „intelligente, aber von ihm abhängige Mitarbeiter“ bevorzugte und keine ihm überlegenen Spitzenbeamten wünschte. Die Pannenserie endete erst, „als der gewitzte, harte und auf dem Bonner Parkett allseits respektierte“ Wolfgang Schäuble im Herbst 1984 die Rolle des Chefs des Bundeskanzleramts einnahm. Vieles in der Innenpolitik, die mehr am Rande behandelt wird, sei improvisiert, die Deutschlandpolitik auf „humanitäre Anstrengungen“ konzentriert gewesen. Mit der Pershing-Stationierung habe sich Kohl bei den Westmächten Respekt verschafft.

          Topmeldungen

          Strache zum Ibiza-Video : Tief blicken

          Der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache sagt, was von ihm auf dem Ibiza-Video zu hören ist, seien „Gedankenspiele“ gewesen. Darüber kann man sich ebenso Gedanken machen wie über die Drahtzieher der Falle, in die er tappte. Ein Kommentar.

          Der Brexit nach May : Was kommt nun?

          Theresa May hat ihren Rücktritt angekündigt, gescheitert an der Vollendung des Brexits. Ihr Nachfolger wird es kaum einfacher haben, denn die Situation im Parlament verändert sich nicht. Bleiben nur Neuwahlen?