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Hans-Peter Schwarz: Helmut Kohl : Überlebensgroß Herr Kohl

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Es habe immer Phasen in Kohls Leben gegeben, in denen „dieser oft zu bedächtige, erdschwere Riese abhebt und sich alles zutraut“. So habe er den Euro unbedingt gewollt, gegen den Willen der Mehrheit der Wähler und trotz aller Probleme mit den Stabilitätskriterien. Im Mai 1998 fielen auf dem EU-Gipfel die entscheidenden Beschlüsse - nach den Abstimmungen im Bundestag (575 Ja, 35 Nein, fünf Enthaltungen, darunter Lambsdorff) und im Bundesrat (alle Länder außer Sachsen) über den Abschied von der D-Mark. Der sächsische Ministerpräsident und Kohl-Antipode Biedenkopf hielt in seinem Tagebuch fest: „Deutschland hat im Grunde keine Möglichkeit mehr, die Fortsetzung seiner Geldpolitik in der EU einzuklagen, falls die anderen Teilnehmer sich eines anderen besinnen sollten.“

Priorität besaß für Kohl der Schulterschluss mit Frankreich. Demgegenüber sahen - wie Schwarz wiederholt - Mitterrand und sein Nachfolger Chirac den Euro als ein Instrument französischer Machtpolitik. Daher habe Kohl in den letzten Monaten seiner Regierungszeit bei der institutionellen Fortentwicklung der EU „auf die Bremse treten“ wollen. Nach Kohls Abwahl am 27. September sei „von den Zweifeln an der Vertiefungspolitik à la Brüssel nicht mehr die Rede“ gewesen. Am 27.Oktober erfolgte die Amtsübergabe an Gerhard Schröder (SPD), am 7. November trat Kohl als Parteichef unter „gewaltigen Ovationen“ ab.

Das letzte Kapitel des Buchs heißt: „Das Ende des Glückskindes“. Dem Kanzler a. D. verlieh der Europäische Rat im Dezember 1998 den Titel „Ehrenbürger Europas“. Er war längst ein lebendes Denkmal, als im November 1999 die Meldung vom Haftbefehl gegen den früheren CDU-Schatzmeister Leisler Kiep seinen tiefen Sturz ankündigte. Schwarz spöttelt über die „kreative Verschleierung“ von Parteispenden mit Wissen Kohls. Und er deutet den „Emanzipationsbrief“ der CDU-Generalsekretärin Merkel in der F.A.Z. vom 22. Dezember: „Kohl liest nicht zu Unrecht eine kaum verhüllte Aufforderung heraus, er möge ,möglichst bald’ den Ehrenvorsitz der CDU und sein Abgeordnetenmandat aufgeben.“

Schwarz stellt „Fragen an eine Ehe“, berichtet von Hannelore Kohls „Gesundheitskrisen“ und ihrem „Freitod“ im Juli 2001. Er erinnert an die „Versöhnungsmesse mit der CDU“ im Juni 2002 auf dem Frankfurter Parteitag und an den „Höhepunkt der Kohl-Renaissance“ im April 2005 aus Anlass des 75. Geburtstages im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Und er befasst sich mit Kohls „Helfern“ beim Memoiren-Schreiben. Hier verlässt er seine „Halbdistanz“, um Maike Richter vor Kritik in Schutz zu nehmen. Die 1964 geborene Volkswirtin und frühere Kanzleramtsmitarbeiterin, seit 2008 mit Kohl verheiratet, sei eine jener „starken Frauen“, die der Oggersheimer lebenslang gefunden habe: „Beim Schiffbruch des Alters erfährt er im Zustand existentieller Hilflosigkeit eine Zuwendung, die mehr bedeutet als das vorangegangene Hochgefühl der Verjüngung.“

Im Resümee lobt Schwarz den „Architekten des neuen Europa“: Helmut Kohls Reputation werde auch von der Fortentwicklung der Euro-Krise abhängen. Momentan erscheine er „als tragische Gestalt, die Gutes gewollt und auch viel Gutes bewirkt hat, wenngleich leider im Übermaß und zu vertrauensvoll“. Ob ihm künftige Historiker einmal „tragische Größe“ zuerkennen, fragt der Biograph, der auf tausend Seiten die Metapher des Riesen mit immer neuen Adjektiven etwas überstrapaziert, um den Kanzler der Einheit und des Euro zu charakterisieren und zu sezieren.

Hans-Peter Schwarz: Helmut Kohl. Eine politische Biographie. Deutsche Verlagsanstalt, München 2012. 1056 S., 34,99 €.

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