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Armin Fuhrer: Herschel : Schüsse im Palais Beauharnais

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Herschel Grynszpan Bild: obs

Armin Fuhrer ist überzeugt davon, dass es sich bei dem Attentat von Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär Ernst vom Rath nicht um eine „homosexuelle Beziehungstat“ handelte.

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          Für die nationalsozialistische Propaganda kam das Attentat vom 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris wie gerufen, um zwei Tage später die brutalsten Ausschreitungen gegen Juden überall im Reichsgebiet zu inszenieren. Diese Zäsur in der Judenverfolgung ließ im Rückblick den 17 Jahre alten Täter Herschel Grynszpan und das 29 Jahre alte Opfer Ernst vom Rath oft in den Hintergrund treten. Dagegen schreibt Armin Fuhrer jetzt auf breiter Quellenbasis mit Verve an. Er ist überzeugt davon, dass es sich bei dem Anschlag nicht um eine „homosexuelle Beziehungstat“ handelte.

          Urheber jener „Sex-Story mit historischer Tragweite“ war 1952 der ehemalige Abwehr-Mitarbeiter und Publizist Michael Graf Soltikow. Daran entzündete sich eine zwei Jahrzehnte andauernde juristische Auseinandersetzung mit Raths Familie. Fuhrer zitiert hier den Rechtsanwalt Isidor Fraenkel, der 1958 in einer Pariser Zeitung „den Deutschen“ vorwarf, seinen früheren Mandanten Grynszpan „moralisch umbringen“ zu wollen: „Der junge Mensch, welcher sein Leben für die Ehre des Jüdischen Volkes einstellte, ihn will man beschmutzen und sucht die niederträchtigste Art von sexueller Beziehungstat als Motiv des Mörders.“ Obwohl weder ein Münchner noch ein Augsburger Gericht das unterstellte Tatmotiv bestätigte, stellt Fuhrer eine „bis heute anhaltende Durchschlagskraft der Soltikowschen Behauptungen“ fest, zumal sie „völlig kritiklos von eigentlich seriösen Historikern wie Hans-Jürgen Döscher übernommen“ und verbreitet würden. Der Autor resümiert, dass das nach dem Attentat in Paris kurz kursierende Gerücht, Grynszpan und der „homosexuell veranlagte“ Rath hätten sich gekannt, nicht zutrifft: Grynszpans fünf Schüsse waren eine „Verzweiflungstat“ wegen der Abschiebung seiner Eltern und Geschwister aus Hannover nach Polen im Oktober 1938; nur zufällig traf er im Botschaftsgebäude auf den Legationssekretär. Sofort schickte Hitler seinen „Begleitarzt“ Karl Brandt nach Paris. Dem soll er - „auch wenn der letzte Beweis fehlt“ - telefonisch den Befehl erteilt haben, „Rath die nötige Hilfe im Krankenhaus zu verweigern und ihn sterben zu lassen. Der junge Nachwuchsdiplomat war der geborene Märtyrer, ein ,Blutzeuge der Bewegung‘ ganz nach dem Geschmack des ,Führers‘ und seines Propagandaministers. Sein Tod gab den willkommenen Anlass zur Reichspogromnacht.“

          Nach der Besetzung Frankreichs fiel Grynszpan Mitte 1940 in die Hände der Gestapo. Ende 1942 verliert sich seine Spur. „In der Gedenkstätte Yad Vashem ist er als Opfer des Holocaust aufgelistet, als Todesdatum der 28. Januar 1945 angegeben.“ In Hannover findet sich dort, wo einst das Wohnhaus seiner Familie stand, ein Stolperstein für ihn. Jedoch in der „früheren deutschen Botschaft in der Pariser Rue de Lille“ fehlt ein „Hinweis“ auf den Attentäter: „Selbst eine Gedenktafel wurde Herschel Grynszpan in dem Gebäude, das heute als Residenz dient, verweigert. Seine Nachkommen würden das gern ändern.“

          Armin Fuhrer: Herschel. Das Attentat des Herschel Grynszpan am 7. November 1938 und der Beginn des Holocaust. Berlin Story Verlag, Berlin 2013. 365 S., 19,80  €.

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