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Alexander Will: Kein Griff nach der Weltmacht : 1001 Nacht und Csárdásfürstin

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Bagdadbahn, 1903-1918: Bau eines Viadukts im Taurusgebirge Bild: FAZ Archiv/ Foto Philipp Holzmann AG

Die islamische Welt mochte die Mittelmächte im Herbst 1914 für das kleinere Übel halten; aber sie zeigte wenig Lust, sich für Deutschland zu exponieren. Ein deutscher Diplomat urteilte über die Spezies seiner Landsleute, die mit allerlei phantastischen Plänen ins Morgenland reisten: Sie seien eine „Landplage“, allzu sehr beeindruckt von den Geschichten aus 1001 Nacht.

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          Dschihad, der Heilige Krieg, ist seit dem 11. September 2001 wieder in aller Munde. Zum letzten Mal so wirklich erklärt wurde er allerdings vor bald hundert Jahren, im Herbst 1914, als es noch einen Kalifen gab. Sultan Mohammed V. war gerade erst an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Manche versprachen sich von einer solchen Erklärung große Dinge, angesichts der ungezählten Millionen mohammedanischer Untertanen in den Kolonialreichen der Ententemächte. Doch diese hochgespannten Erwartungen wurden schnell enttäuscht. Die islamische Welt mochte die Mittelmächte für das kleinere Übel halten; aber sie zeigte wenig Lust, sich für Deutschland zu exponieren. Ein deutscher Diplomat, der spätere Staatssekretär Richard von Kühlmann, urteilte über die Spezies seiner Landsleute, die mit allerlei phantastischen Plänen ins Morgenland reisten: Sie seien eine „Landplage“, allzu sehr beeindruckt von den Geschichten aus 1001 Nacht.

          Die Orientpolitik des Deutschen Reiches kann sich in den vergangenen Jahren über mangelndes Interesse nicht beklagen. Freilich: So sehr heutzutage alle Indizien deutsch-türkischer Kooperation willkommen sind, so wenig vermag die damals angepeilte Kombination von deutschem Militär und islamischem Fundamentalismus das Publikum für sich einzunehmen, zumal das angelsächsische. Als „Griff nach der Weltmacht“ macht die Orientpolitik dabei schon einmal aus einem ganz einfachen Grund schlechte Figur. Weltmacht war Deutschland, weil es auf den größten Kohlenlagern des Kontinents saß - nicht weil es in fernen Landen Palmenhaine oder auch Fragmente von Schienenwegen besaß, wie zum Beispiel den Torso der umstrittenen Bagdadbahn, der nach zwanzig Jahren disproportionaler internationaler Aufregung irgendwo in der syrischen Wüste (ver)endete. Dieses abschätzig-feindselige Urteil über die deutschen Nahost-Ambitionen im „Großen Krieg“, angesiedelt zwischen sinistren Planungen und kläglichem Scheitern, versucht Alexander Will zurechtzurücken, zu „resymmetrieren“, mit guten Argumenten. So nimmt er zum Beispiel den Araber-Aufstand unter die Lupe, den „Lawrence von Arabien“ 1916 auslöste - und mit einem literarischen Geniestreich in seinen „Sieben Säulen der Weisheit“ zugleich zu einem Mythos erhob. Ein solcher Aufstand, getragen von der Haschemitendynastie in Mekka als den Hütern der Heiligen Stätten, sprach nun tatsächlich nicht sehr für die Wirksamkeit der Parolen vom Heiligen Krieg. Begrenzt war freilich auch die militärische Wirksamkeit des Aufstands selbst: Die rebellischen Wüstensöhne banden nur wenige tausend Mann osmanischer Truppen, das Osmanische Reich - bei aller überheblichen Kritik von Freund und Feind - 1918 immerhin fast zwei Millionen Briten, denn die Logistik eines Feldzugs in Palästina und Mesopotamien erwies sich als ein kostspieliges Unterfangen. Verglichen damit, stellten deutsche Revolutionierungsversuche schon wieder ein sehr „preiswertes Engagement“ dar.

          Es spricht für Will und seine Studie, dass er nicht im Stile allzu vieler moderner Buchprojekte alles rigoros ausblendet, was nicht zu seiner Hauptthese passt, sondern der Vielfalt des Gegenstands Gerechtigkeit widerfahren lässt. Als eine gute Quelle für boshafte Beobachtungen aller Art erweisen sich da die Berichte des österreichisch-ungarischen Verbündeten und seiner Konsuln. Die Österreicher erwiesen sich keineswegs als die „sympathische Kaffeehaus-Großmacht“, sondern blickten mit souveräner Verachtung auf das Osmanische Reich, ein Vielvölkerstaat auf den anderen, hatten dabei aber doch immer ein offenes Ohr für die Klagen der Türken über die „Preußen“. Propaganda wurde in diesem Krieg großgeschrieben, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie ihre Protagonisten von der Frontbewährung abhielt. Die Rivalität der Verbündeten in Konstantinopel äußerte sich nicht zuletzt in Form von kultureller Sympathiewerbung, wie Modeschauen oder - als Retourkutsche für ein deutsches Operngastspiel - in nicht weniger als vierzig Aufführungen der „Csárdásfürstin“.

          So entsteht ein farbiger Bilderbogen, von den österreichischen und deutschen Katholiken, die gemeinsam Überlegungen anstellten, wie man den Franzosen das Protektorat über die Heiligen Stätten (diesmal der Christen) abjagen könnte, bis zu den schwedischen Gendarmen, die in Persien mit deutschen Offizieren fraternisierten, über den Pater Alois Musil, einen entfernten Verwandten des „Mannes ohne Eigenschaften“, der mit dem Versuch scheiterte, die Stämme im Inneren Arabiens als Hilfstruppe für einen Ägyptenfeldzug anzuwerben, bis zu den Versuchen, den fernen Emir von Afghanistan zum Krieg gegen die Engländer zu überreden - ein Versuch, der erst dann Erfolg zeitigte, als es für beide zu spät war: nämlich 1919.

          Alexander Will: Kein Griff nach der Weltmacht. Geheime Dienste und Propaganda im deutsch-österreichisch-türkischen Bündnis 1914-1918. Böhlau Verlag, Köln 2012. 340 S., 44,90 €.

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