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Adamantios Skordos: Griechenlands Makedonische Frage : 330 vor und 1949 nach Christus

Um die slawische Bevölkerung Nordwestgriechenlands für den Partisanenkrieg gegen die Deutschen zu rekrutieren und eine bessere Ausgangsposition für den innergriechischen Machtkampf nach deren Abzug zu haben, hatte die KKE sogar eigene Kampfeinheiten mit slawophonen Griechen gegründet: Die „Slavjano-Makedonski Narodno Osloboditelen Front“, zu Deutsch „slawisch-makedonische Volksbefreiungsfront“. Die Abhängigkeit der Kommunisten von den Slawophonen hatte allerdings ihren Preis. Gegen Ende des Bürgerkrieges versprach die KKE dem „mazedonischen Volk“ in Nordgriechenland für den Fall eines kommunistischen Sieges die „nationale Rekonstituierung“, ja sogar die „Konstituierung Makedoniens als vereinte, unabhängige und gleichberechtigte Teilrepublik innerhalb einer volksdemokratischen Föderation der Balkanvölker.“ Dies wurde von den Rechten, aber auch von vielen griechischen Kommunisten als Bereitschaft der KKE verstanden, „den Slawen“ griechisches Territorium abzutreten.

Jahrzehntelang hing dieser „nationale Verrat“ der KKE an. Bedroht war der 1912 im ersten Balkankrieg von Griechenland erkämpfte Teil der historischen Region Makedonien zeitweilig tatsächlich. Im April 1945 sagte der jugoslawische Diktator Tito während eines Besuchs in Moskau, zwar erhebe sein Land „vorläufig“ keine territorialen Ansprüche gegen Athen, werde sich aber einer Vereinigung der „Makedonier Griechenlands mit ihren Landsleuten in Jugoslawien“ nicht widersetzen. Wenige Monate später forderte Tito dann offen die Vereinigung „aller Makedonier in ihrem Land“. Vor der Pariser Friedenskonferenz von 1946 verlangte Belgrad sogar offiziell die Lostrennung „Ägäis-Makedoniens“ von Griechenland und seinen Anschluss an Jugoslawien, da das „makedonische Volk“ endlich „vom griechischen Joch“ befreit werden müsse. Die Athener Zeitung „Kathimerini“ schrieb von einer „Kriegserklärung von 200 Millionen Slawen“ an Griechenland und brachte damit auf den Punkt, was viele Griechen dachten.

Doch die griechische Linke verlor den Krieg, und die Sieger erhoben ihre Sichtweise der Ereignisse zur staatlichen Erinnerungspolitik. Sie stilisierten den Bürgerkrieg zum „slawokommunistischen Banditenkrieg“ um. Neue Fest- und Trauertage wurden eingeführt, deren wichtigster der „Jahrestag des Sieges über die kommunistischen Banditen“ war. Schulklassen wurden in patriotischen Ausflügen an Schauplätze vermeintlicher oder echter „slawischer“ Verbrechen geführt. Die Armee gab hetzerische Spielfilme in Auftrag, um das antislawische Bewusstsein der Bevölkerung zu festigen.

Öffentliche Reuebekenntnisse „bekehrter“ Kommunisten taten ein Übriges. Zwar kam es zu einer Zäsur, als Andreas Papandreou 1981 seine Sozialisten an die Macht führte und die Linken die Kontrolle über die Erinnerungspolitik übernahmen. Das „Projekt der antislawischen Sinnstiftung“ (Skordos) war schon nach der türkischen Besatzung Zyperns von einem stärker auf die Türkei fokussierten Feindbild abgelöst worden. Die im Norden des eigenen Landes siedelnden Slawen standen aber weiter im Verdacht, eine fünfte Kolonne ausländischer Mächte zu sein. Wer sich vor Augen führt, dass die heute maßgebliche Generation griechischer Politiker, etwa Ministerpräsident Samaras, in dieser Zeit sozialisiert wurde, wird sich über Athens Mazedonien-Politik weniger wundern.

Adamantios Skordos: Griechenlands Makedonische Frage. Bürgerkrieg und Geschichtspolitik im Südosten Europas, 1945-1992. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 439 S., 39,90 €.

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