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Leserbrief : Der Beifall für Sarrazin ist der Skandal

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Es ist ermutigend, dass Frank Schirrmacher in seiner klugen, tiefschürfenden Analyse des Sarrazin-Buches im Leitartikel der F.A.Z. vom 1. September genau das Punctum puncti klar benennt, nämlich die pseudowissenschaftlich-vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie des Bundesbankers.

          Es ist ermutigend, dass Frank Schirrmacher in seiner klugen, tiefschürfenden Analyse des Sarrazin-Buches im Leitartikel der F.A.Z. vom 1. September genau das Punctum puncti klar benennt, nämlich die pseudowissenschaftlich-vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie des Bundesbankers. Und es ist Schirrmacher darin aus ganzem Herzen und vor allem bei aller Vernunft zuzustimmen. Dass ein angeblich liberaler, sozialdemokratisch gesinnter Bildungsbürger und exponierter Entscheidungsträger im vormals politisch-administrativen und jetzt finanzwirtschaftlichen Bereich ein solches Traktat aus dem zu Recht längst verschlossenen Giftschrank des historischen Biologismus und Vulgärdarwinismus einem erschreckenderweise frenetisch applaudierenden Publikum präsentiert, ist der eigentliche Skandal. Die Kritiker Sarrazins sind in ihrer Empörung eigentlich noch viel zu zurückhaltend.

          Als Hobbygenetiker und Pseudoanthropologe wärmt Sarrazin die durch die seriöse Wissenschaft allenthalben längst falsifizierten Theorien des Vulgärdarwinismus auf und katapultiert uns in die eugenisch-erbbiologische Diskussion von Einwanderungs-, Unterschicht- und Armutsthemen in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Einwanderungs- und Integrationsdebatte ebenso wie die Diskussion um Prekariat und Sozialstaat müssen und können jenseits politisch korrekter Denk- und Sprechverbote geführt werden, wie viele Akteure von Heinz Buschkowsky über Ralph Giordano bis Necla Kelek beweisen. Selbst Berufsprovokateure wie Henryk M. Broder kann die Streitkultur hierzulande unbeschadet verkraften. Wenn jemand aber versucht, sozialdarwinistisch-biologistischen Unsinn als erfrischend anderen Denkanstoß oder gar vollmundig als verpönte, weil angeblich politisch inkorrekte Wahrheit zu präsentieren, dann ist das wahrlich unerträglich. Dass er damit in weiten Teilen der autochthonen Bevölkerung Anklang und Beifall findet, spricht dann erst recht gegen seine Thesen.

          Armagan Kilic, Bad Homburg

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