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Leserbrief : "Das Amt" blendet die Rolle der Stasi aus

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Bei allem Lob für die Arbeit der Historikerkommission sind auch einige kritische Worte angebracht. Denn ihre fast 900 Seiten starke Studie beschränkt sich bei der Beschreibung der Aktivitäten, die die DDR beziehungsweise das Ministerium ...

          Bei allem Lob für die Arbeit der Historikerkommission sind auch einige kritische Worte angebracht. Denn ihre fast 900 Seiten starke Studie beschränkt sich bei der Beschreibung der Aktivitäten, die die DDR beziehungsweise das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) angesichts der Kontinuität ehemaliger NS-Funktionseliten im Bundesaußenministerium entfaltete, auf wenige, relativ kurze Bemerkungen zu Propaganda-Kampagnen wie dem "Braunbuch". Auf einen Vergleich der NS-Belastung der Angehörigen des Auswärtigen Amts mit den Mitarbeitern des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR verzichtet die Abhandlung gänzlich. Verwunderlich ist, wieso ihr Quellen- und Literaturverzeichnis dennoch den hierfür relevanten Bestand DO1 des Bundesarchivs Dahlwitz-Hoppegarten nennt, obwohl sich in den Fußnoten kein einziges Dokument daraus findet.

          Der Anhang des Buches listet darüber hinaus zwar zwölf verschiedene MfS-Dienststellen auf, deren schriftliche Hinterlassenschaft die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdiensts verwaltet. Erklärungsbedürftig ist aber, wieso dann in den Fußnoten nur ganze sieben (!) Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde aufgeführt werden. Darunter befindet sich nur eine einzige sogenannte Z-Akte, obwohl weitaus mehr zu Angehörigen des Auswärtigen Amts überliefert sind. Z-Akten enthalten Originalunterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus, die das MfS archivierte, um sie für seine Zwecke zu nutzen.

          Die Ziele und Ergebnisse dieser Verwendung hätte die Historikerkommission einzig durch eine umfassende Auswertung der zahlreichen Stasi-Unterlagen zu bundesdeutschen Diplomaten erforschen können. Dies hat sie jedoch nicht getan. Es stellt sich die Frage, warum. Wichtige Fragen bleiben dadurch offen: Welchen Maßstab setzte das DDR-Außenministerium bei der personellen Säuberung im Vergleich zum Auswärtigen Amt an? Was wusste das Ministerium für Staatssicherheit über die NS-Belastung der Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, und wie nutzte es dieses Wissen? Inwiefern gab es neben den propagandistischen, aber im Kern zutreffenden Anklagen Erpressungsversuche mit der Drohung, kompromittierendes Material öffentlich zu machen oder Strafverfahren einzuleiten? Unternahm das MfS Anwerbeversuche zum Zwecke nachrichtendienstlicher Tätigkeiten oder mit dem Ziel, die westdeutsche Außenpolitik zu beeinflussen? Wenn ja, mit welchem Erfolg? Dabei sollte man an die NS-Belasteten selbst denken wie auch an diejenigen Diplomaten, die die Kontinuität NS-Belasteter im Amt kritisierten und sich auch deshalb eventuell zu einer Zusammenarbeit bereit erklärten.

          Wer hat einen Nutzen davon, dass all diese Fragen vorerst unbeantwortet bleiben? Dieses Versäumnis droht den Erkenntnisgewinn der Studie zu schmälern. Man sollte ihm deshalb schnellstmöglich mit einem Folgeprojekt begegnen, das diese Forschungslücke schließt.

          Dr. Jens Kuhlemann, Berlin

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