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Leitartikel : Problemsudan

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Wäre der jüngste Staat der Erde, die Republik Südsudan, ein zum Verkauf stehendes Unternehmen, würde jeder potentielle Investor müde abwinken: wackliges Geschäftsmodell, keine gesicherte Finanzierung, schlecht ausgebildete Belegschaft, ...

          Wäre der jüngste Staat der Erde, die Republik Südsudan, ein zum Verkauf stehendes Unternehmen, würde jeder potentielle Investor müde abwinken: wackliges Geschäftsmodell, keine gesicherte Finanzierung, schlecht ausgebildete Belegschaft, mieses Betriebsklima und ein Management, das Mitbestimmung für Teufelszeug hält.

          Staaten funktionieren gottlob anders als Konzerne. Aber am Befund für die Republik Südsudan, die am Samstag nach zwanzig Jahren Krieg mit mehr als zwei Millionen Toten ihre Unabhängigkeit von Sudan erklärt hat, ändert das nichts. Zwei Dinge sind es vor allem, die Zweifel an der Lebensfähigkeit dieser neuen Nation zwischen Nordsudan, Uganda, Kenia und Kongo säen: die finanzielle Abhängigkeit vom ehemaligen Feind im Norden und die ethnischen Differenzen innerhalb der neuen Nation.

          Südsudan ist gesegnet mit Erdöl. Achtzig Prozent der bekannten Vorkommen in ganz Sudan liegen in der neuen Republik, und würden alle Kapazitäten ausgelastet, könnten alleine im Süden 500 000 Fass täglich gefördert werden. Doch die gesamte Infrastruktur zur Vermarktung dieses Öls, die Pipeline, die Raffinerie, der Erdölhafen von Port Sudan, gehört dem Norden, was bedeutet, dass Khartum dem Süden nach Belieben den Hahn buchstäblich zudrehen kann. Angesichts der zurückliegenden Erfahrungen mit der Vertragstreue der Regierung in Khartum, die noch jedes Abkommen gebrochen hat, grenzt es an Fahrlässigkeit, heute zu glauben, die Angelegenheit werde sich schon irgendwie regeln.

          Khartum hat ein Druckmittel, wie es wirksamer kaum sein könnte: 95 Prozent des südsudanesischen Staatshaushalts stammen aus den Erdölverkäufen, die über den Norden abgewickelt werden. Was passiert eigentlich im Süden, sollte Khartum tatsächlich die Pipeline sperren, weil es mit dem Mietzins für seine Infrastruktur nicht zufrieden ist? Die Frage ist leicht zu beantworten und die Antwort furchterregend: Krieg. Es war kein "Scherz", wie der deutsche Außenminister Guido Westerwelle behauptete, als der südsudanesische Präsident Salva Kiir ihn bei seinem Besuch in Juba um deutsche Waffenlieferungen bat.

          Die nach wie vor ungeklärte künftige Aufteilung der Öleinnahmen ist nur eines von vielen ungelösten Problemen, die Südsudan in die Unabhängigkeit begleiten. Über große Strecken des Grenzverlaufs haben sich Norden und Süden noch nicht geeinigt. Es herrscht Unklarheit darüber, ob die Republik eine eigene Währung schafft oder weiter mit der schwindsüchtigen Währung aus den Norden, dem sudanesischen Pfund, wirtschaftet und sich damit noch tiefer in die Abhängigkeit von Khartum begibt. Und eine neue Verfassung gibt es auch noch nicht. Das alles hat fatale Ähnlichkeit mit der zunächst friedlichen Trennung von Äthiopien und Eritrea, die nach wenigen Jahren in einen Krieg umschlug, weil sich beide Seiten nicht auf eine gemeinsame Währung und den Verlauf der Grenze einigen konnten.

          Hinzu kommen die Spannungen im Innern des neuen Staates. Südsudan ist ein archaischer Vielvölkerstaat mit einigen hundert Ethnien und mehreren Dutzend Sprachen. Der Leim, der dieses künstliche Gebilde in der Vergangenheit zusammengehalten hat, war der gemeinsame Feind im Norden. Doch den gibt es nun nicht mehr, und prompt tun sich tiefe Gräben auf. In den Provinzen Jonglei und Unity rebellieren bereits ehemalige Generäle der südsudanesischen Armee gegen die Regierung in Juba und die dort tonangebende Ethnie der Dinka, denen sie massive Fälschungen bei den Wahlen im April vergangenen Jahres vorwerfen. Die neuen Machthaber, von denen etliche bereits märchenhafte Reichtümer angehäuft haben, reagieren mit roher Gewalt auf die Rebellionen und beschuldigen die beiden ehemaligen Generäle Peter Gadet und George Athor, im Solde Khartums zu stehen.

          Das ist nur die halbe Wahrheit. Wogegen Gadet und Athor sich wehren, ist die Vormachtstellung der Dinka in dem neuen Staat. Sichtbares Zeichen dieser um sich greifenden Malaise ist die beginnende Spaltung der südsudanesische Armee. Die Loyalität vieler Soldaten liegt eher bei der eigenen Ethnie als bei der Regierung im fernen Juba. Es gibt sogar Stimmen in Juba, die behaupten, dass die militärische Besetzung der zwischen Norden und Süden umstrittenen Region Abyei durch nordsudanesische Truppen im Mai bewusst vom Süden provoziert worden war, um so von den innenpolitischen Auseinandersetzungen abzulenken und vor allem die Armee beschäftigt zu halten.

          Die Regierungspartei "Sudan People's Liberation Movement" (SPLM) rechtfertigt ihre harte Gangart gegen politische Gegner und zunehmend auch gegen freie Berichterstattung mit der Sorge um die Stabilität dieses Gebildes namens Südsudan. Damit wirft sie genau das über Bord, wodurch sie sich im Krieg die moralische Lufthoheit über den Norden gesichert hatte: den Respekt vor den Menschenrechten, insbesondere vor dem Recht auf freie Meinungsäußerung und politische Willensbildung.

          Ein gelungener Start in die Unabhängigkeit jedenfalls sieht anders aus.

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