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Leitartikel : Ein verflucht gutes Verhältnis

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Der Moment der Wahrheit ist im britischen Presseskandal schon vorbei, ganz gleich, wie viel Anhörungen, Vorladungen und Untersuchungskommissionen jetzt noch folgen werden. Er dauerte nur ein paar Sekunden: So lange, wie Premierminister ...

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          Der Moment der Wahrheit ist im britischen Presseskandal schon vorbei, ganz gleich, wie viel Anhörungen, Vorladungen und Untersuchungskommissionen jetzt noch folgen werden. Er dauerte nur ein paar Sekunden: So lange, wie Premierminister Cameron eben brauchte, um zu erläutern, warum die unverschämten und gesetzeswidrigen Praktiken mancher Schnüffler, die im Auftrag von Reportern und Redakteuren handelten, von den Beschnüffelten so lange hingenommen wurden: "Die durchwühlen deine Mülleimer", berichtete der Premierminister im Unterhaus, "aber du hältst dich zurück, weil du ein gutes Verhältnis zur Presse willst."

          Ein paar Stunden später schon entwickelte Camerons Vorgänger Brown die Wahrheit zur Opfer-Legende weiter: Gefühlsbeladen schilderte er dem Parlament die Erschütterung seiner Familie, nachdem das - zum Murdoch-Konzern gehörende - Boulevardblatt "Sun" die Behinderung seines Sohnes Fraser auf der Titelseite in alle Welt hinausposaunt hatte. Dass der spätere Premierminister Brown trotzdem um freundschaftliche Beziehungen zur "Sun" bemüht blieb, dass er die verantwortliche Chefredakteurin zu Wochenendferien in den offiziellen Landsitz Chequers einlud, dass er zusammen mit seiner Frau Hochzeitsgast jener Zeitungschefin war - das alles erfuhren die Abgeordneten nicht. Am nächsten Morgen erinnerte die - zum Murdoch-Konzern gehörende - Zeitung "Times" daran.

          Die Verbindungen zwischen Presse und Politik sind in Großbritannien seit jeher enger als etwa in der Bundesrepublik. Im britischen Verfassungsverständnis, in dem vieles ungeschrieben, manches sogar ungesagt gilt, halten Journalisten die Waffe des "öffentlichen Interesses" in der Hand, ein Instrument, das im gerechtfertigten Fall sogar Straftatbestände wie das Abhören von Telefonen oder das Einbrechen in private Computerdateien wirkungslos machen kann. Der Abhörskandal des - zum Murdoch-Konzern gehörenden - Sonntagsblattes "News of the World" geriet für die Zeitung erst außer Kontrolle, als offenbar wurde, dass der Privatdetektiv, der im Auftrag des Blattes Tausende Telefon-Nachrichtenspeicher anzapfte, auch zahlreiche Personen attackierte, die nicht oder nicht freiwillig im Licht der Öffentlichkeit standen: Mordopfer oder die Eltern von Soldaten, die in Afghanistan zu Tode kamen.

          Nun erst erhob sich die Politik zum Sturm der Entrüstung: Die Familie des ermordeten - und abgehörten - Mädchens Milly Dowler wurde nacheinander vom Oppositionsführer Miliband, vom stellvertretenden Premierminister Clegg, von Premierminister Cameron zum Gespräch und zu gemeinsamen Fotos vor Pressekameras eingeladen. Eifrig demonstrierte die politische Führung des Landes ihre Schutz- und Fürsorgepflicht vor der "wilden Bestie" (Tony Blair) der Medien - und hatte dabei die eigene Haut im Sinn.

          Gerade der vorletzte Premierminister Blair, der sich am Ende über die Hatz der Presse beschwerte, bot am Anfang ein Beispiel dafür, wie die Politik versuchte, den Medien nahe zu sein. Blairs Sprecher Campbell perfektionierte den "Spin", jenes Geschäft, in dem Neuigkeiten so geformt, verpackt, zerlegt und verteilt werden, dass sie im Sinne der Regierung zur Verbreitung gelangen. Auch Blairs gelehriger Schüler Cameron verlangte nach einem solchen "Spin-Doktor": Dass er sich Andy Coulson erwählte, jenen einstigen Chefredakteur der "News of the World", in dessen Verantwortung die Abhörpraxis des Blattes virulent war, wird als Pech oder als schlimmer Personalfehler gesehen, nicht jedoch als eine verfehlte Kommunikationsstrategie.

          Immerhin hat der Premierminister jetzt beklagt, Politik und Presse seien einander zu nahe gewesen, Politiker hätten lieber mit den Medien herumgeschmust, statt auf die Einhaltung von Regeln zu achten. Nun sollen sämtliche Regierungsmitglieder vierteljährlich Protokolle über ihre sämtlichen Kontakte zu Journalisten veröffentlichen. Eine lächerliche Geste: Wer soll Verstöße dagegen melden und sanktionieren? Grundsätzliche Änderungen kämen nur zustande, wenn am Ende aller Untersuchungen und Ermittlungen die Dreistigkeitsgrenze des öffentlichen Interesses präziser gefasst würde.

          Die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat der wilden Bestie der Medien allerdings immer neue Glieder und Köpfe wachsen lassen. Und der Unternehmer Murdoch repräsentiert das zeitgenössische Haupt. Das hat einen anderen Charakter als berühmte britische Pressezaren der Geschichte wie Lord Beaverbrook, der Churchills Rüstungsminister wurde, oder die Lords Astor und Thomson of Fleet, Eigentümer der "Times", die kraft ihrer Adelswürden politischen Einfluss nehmen konnten. Murdoch hingegen hat vor Jahren schon den amerikanischen Pass einer britischen Peerswürde vorgezogen - dem Geschäft zuliebe. Und bei allen wirksamen Einmischungen seiner Blätter in die britische Politik - das Boulevardblatt "Sun" sah sich zwei Jahrzehnte lang als Königsmacher vor den Unterhauswahlen - wirkte Murdochs Einfluss doch immer eher wie ein Mittel zum Zweck: mit politischer Duldung ein lukratives Medien-Imperium zu errichten, unbeeinträchtigt von Wettbewerbsklauseln und Wahrheitsgeboten.

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