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Katholische Kirche : Wo die Glocken verklingen

Soul Side Linden - In Hannover sollen neue Gottesdienstformen junge Menschen für katholischen Glauben begeistern. Bild: Pilar, Daniel

Der katholischen Kirche mangelt es an Gläubigen, an Geld, an Priestern. Das Bistum Hildesheim musste bereits mehr als dreißig Gotteshäuser schließen. Doch im Niedergang finden sich auch Zeichen des Aufbruchs.

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          Das Haus mit dem Turm, das im Wohngebiet von Clenze steht, war 50 Jahre lang eine katholische Kirche. In einer guten Stunde wird das Haus ein Haus mit einem Turm sein, von dem niemand weiß, wie es künftig verwendet werden soll. Clenze ist ein kleiner niedersächsischer Ort im Landkreis Lüchow-Dannenberg, knapp 80 Kilometer nördlich von Wolfsburg gelegen. An einer Straße, wo sich verklinkerte Einfamilienhäuser aneinanderreihen, steht die Kirche. Flach ist sie und ebenfalls verklinkert, und wäre da nicht der karge weiße Turm, an dem nun die beiden Glocken das Ende der Kirche einläuten, sie wäre kaum von einer Turnhalle zu unterscheiden. Die Gläubigen, die vereinzelt mit ihren Autos vorfahren, eilen schnell hinein, vorbei an einem Schaukasten, in dem neben den üblichen Ankündigungen ein kleiner weißer Zettel knapp davon erzählt, dass das Wort Gottes hier künftig nicht mehr verkündet werden wird: „Entweihungsgottesdienst“.

          Andreas Nefzger

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Inneren von St. Johannes Maria Vianney klingen die Glocken dumpf und ein wenig misstönend. Gesenkte, meist ergraute Häupter drehen sich nach denen um, die hereinkommen. Manch einer flüstert mit seinem Sitznachbarn.

          “Ach wie traurig.“

          “Hier haben wir geheiratet.“

          “Eine schwere Stunde für Sie, nicht?“

          Als die Glocken verstummen, erhebt sich die Gemeinde zum Lied: „Herr, wir danken dir / wir vertrauen dir / in Drangsal mach uns frei / und steh im Kampf uns bei.“ Dann treten die Geistlichen vor: Dirk Sachse, der hier die vergangenen sieben Jahre Pfarrer war, sein Vorvorgänger Petrus Dams und Norbert Trelle, Bischof von Hildesheim. Drei Männer mit weißen Haaren und weißen Gewändern. Bischof Trelle sagt: „Seien Sie versichert, dass ich diesen Tag wie ein Begräbnis erlebe.“

          Kirchenschließungen - Die Vianneykirche im niedersächsischen Cleve wird durch Bischof Norbert Trelle entweiht.

          Szenen wie diese häuften sich zuletzt im Bistum Hildesheim. 2009 veröffentliche das Bistum eine Liste, die 377 Gotteshäuser kategorisiert. 47 Kirchen sollen bis 2020 definitiv geschlossen werden, die Zukunft von 149 weiteren ist ungewiss. Mehr als 30 Kirchen mussten ihre Pforten bereits schließen. St. Johannes Evangelist in Dielmissen ist jetzt ein Wohnhaus. St. Oliver in Rhüden hat ein Musikverein gekauft. In St. Johannes der Täufer in Peine-Stederdorf ist eine Kinderkrippe eingezogen. Heilig Kreuz in Wunstorf-Luthe wurde abgerissen, ebenso St. Nikolaus in Bremerhaven oder St. Lukas in Stade-Fredenbeck.

          Die Schließung von Gotteshäusern ist die Folge der Krise der katholischen Kirche. Vielerorts müssen Priester längst mehr Gläubige begraben als sie Kinder taufen; Pfarrstellen bleiben unbesetzt, weil immer weniger Männer den Priesterberuf ergreifen. Schlimmer noch als andernorts ist die Krise im Bistum Hildesheim zu spüren. Eine nennenswerte Zahl an Katholiken kam hierher erst mit den Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten. Viele der Kirchen, die jetzt geschlossen werden, wurden nach dem Krieg eilig gebaut. Die Gemeinschaften von Vertriebenen lösten sich mit der Zeit jedoch auf. Und irgendwann waren die Gemeinden zu klein zum Überleben. Erst beschloss das Bistum, 350 Kirchengemeinden zu 120 zusammenzulegen. Dann folgte die Liste mit den zu schließenden Gotteshäusern.

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