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Jugendrevolten in der DDR : „Mehr Bier, Mann!“

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Von der Kommune 1 - Ost sind keine Bilder aufzutreiben. Das westliches Vorbild mit Uschi Obermaier (2. von rechts) sah das lockerer Bild: ullstein bild - Mehner

Auch in der DDR gab es Achtundsechziger. Sie ließen sich vom Westen inspirieren und gründeten die „Kommune 1 Ost“. Die Stasi war immer dabei.

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          Ob es auch im Osten 1968 eine Jugendrevolte gegeben habe, wurde Wolf Biermann einmal gefragt. Eine Handvoll aufsässiger Kinder der „DDR-Upperclass“ habe es gegeben, so der Liedermacher, unter ihnen die Sprösslinge Robert Havemanns, der ja trotz seiner Dissidenz weiter zum kommunistischen Adel gehörte. „Als wir Besuch von Teufel und Langhans aus der Kommune 1 bekamen, saßen die Kader-Kids dabei und hörten mit großen Ost-Ohren die frohe Botschaft: Jeder darf mit jedem ins Bett.

          Das leuchtete denen sofort ein. So hatten sie die Idee, selbst eine Kommune zu gründen.“ Wolf Biermann arbeitet Geschichte auf, noch bevor andere sich erinnern. Waren das Zeiten! In Prag war Kommune, der Kommunismus nahm die Freiheit in den Arm, der Frühling ging bis in den August, Rudi Dutschke war noch gesund, die Beatles wollten gerade nach Indien aufbrechen, um beim Maharishi der Geheimnisse des meditativen Lebens teilhaftig zu werden.

          Besuch aus dem Westen

          Man schrieb den 27. Januar 1968, drei Tage vor der „Tet-Offensive“ unter dem berühmten General Võ Nguyên Giáp, der die Amerikaner in arge Bedrängnis stürzte, und vier Monate bevor der 1. FC Union Berlin in einem grandiosen 2:1-FDGB-Pokalfinale den FC Carl Zeiss Jena niederringen sollte. An ebendiesem Tag passierte eine Gruppe West-Berliner Achtundsechziger, sozusagen als Vorhut der Avantgarde, die Grenze zur Deutschen Demokratischen Republik. Ihr Ziel: der politisch-literarische Salon der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger am Berliner Stadtrand in Rahnsdorf.

          Wie aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hervorgeht, kam es in der Wohnung der Bildhauerin an jenem Samstag „zu einer Zusammenkunft von ca. 30-35 Personen“, unter ihnen neben einigen Künstlern wie Wolf Biermann und Heiner Müller etliche spätere Bewohner und Begleiter der „Kommune 1 Ost“ - und eben drei Vertreter der West-Berliner „linkssektiererischen und anarchistischen Studentengruppierung ,Kommune'“, namentlich Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel.

          Zurückhaltung bei Aktionen

          Gleichfalls zugegen: ein ehemaliger DDR-Bürger namens Rudi Dutschke. Im Operativen Vorgang „Putschist“ lesen wir über den West-Besuch: „Sie wollen in WB einen politischen Umsturz herbeiführen und glauben, auch in der DDR ähnliche Zustände schaffen zu können.“Doch galt es zuvor in einem konstruktiven Gedankenaustausch die besondere Rolle der marxistischen Theorie hervorzuheben. Die Delegation um Rudi Dutschke zeigte sich dabei ein wenig verwundert wegen der Zurückhaltung der DDR-Freunde in Fragen konkreter Aktivitäten.

          Setzt das revolutionäre Bewusstsein nun die revolutionäre Tat voraus oder umgekehrt? Ein Kundschafter des MfS schrieb dazu: „Sie betonen die Bedeutung von Aktionen, auch wenn ihnen keine theoretische Konzeption und weitergehende Zielstellung zu Grunde liegt.“ Das war wohl ein Ratschlag aus dem Westen, den sich einige Kader-Kids dann auch prompt zu Herzen nahmen: Thomas Brasch, Sohn des stellvertretenen DDR-Kulturministers, Erika Berthold, deren Vater Direktor des Ost-Berliner Instituts für Marxismus-Leninismus war, wie auch Frank und Florian Havemann, die Söhne des SED-Kritikers und DDR-Nationalpreisträgers, wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

          „Mensch, was waren wir froh“

          Sie hatten sich zu einer spontanen Aktion hinreißen lassen, die allein darin bestand, den Namen des Vorsitzenden einer SED-Bruderpartei an Häuserwände und in Flugblättern zu schreiben: Dubcek. Sicher ihrer noblen Abstammung wegen beließen es die Richter bei den drei Monaten Untersuchungshaft und setzten die Urteile zur Bewährung aus. Und so kam es, dass in ebenjener Bewährungszeit und „in einem Anfall von freier Liebe“ (Biermann) die Kinder der Nomenklatur beschlossen, eine revolutionäre Wohngemeinschaft zu gründen, die „K 1 Ost“.

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