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Im Gespräch: Thilo Sarrazin (SPD), Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank : "Mein SPD-Parteibuch will ich mit ins Grab nehmen"

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FRAGE: Herr Sarrazin, würden Sie bitte kurz erklären, warum Sie in der SPD sind?ANTWORT: Ich bin 1973 in die SPD eingetreten zu Zeiten Willy Brandts und des Godesberger Programms. An der Struktur meiner Überzeugungen ...

          FRAGE: Herr Sarrazin, würden Sie bitte kurz erklären, warum Sie in der SPD sind?

          ANTWORT: Ich bin 1973 in die SPD eingetreten zu Zeiten Willy Brandts und des Godesberger Programms. An der Struktur meiner Überzeugungen hat sich seitdem nur das geändert, was sich durch Alter und Zeitablauf ändert. Ich bin ein Anhänger sozialer Gerechtigkeit, ich möchte optimale Chancengleichheit für die Menschen in Deutschland.

          FRAGE: Werden Sie der Aufforderung des Berliner SPD-Vorsitzenden Müller zum Austritt aus der Partei folgen?

          ANTWORT: Ich habe vor, das SPD-Parteibuch mit ins Grab zu nehmen.

          FRAGE: Sie sind als Spätberufener in die Politik gekommen, vorzeitig wieder ausgestiegen und machen jetzt wieder Politik. Warum sind Sie nicht Politiker geblieben?

          ANTWORT: Es ist richtig, dass ich Politiker im engeren Sinne nur als Finanzsenator in Berlin war. Ich habe aber jahrelang unterschiedlichen Bundes- und Landesministern zugearbeitet, bin also mit politischen Prozessen, politischer Entscheidungsfindung und allem, was dazugehört, eng vertraut. Jetzt mache ich keine Politik. Ich habe ein Buch geschrieben über einen Themenkreis, der mich seit Anfang der siebziger Jahre bewegt, nämlich die Folgen unserer Bevölkerungsentwicklung für Deutschland. Wenn das jemand ein politisches Buch nennen will, so ist das nicht falsch, aber zunächst habe ich mich in dem Buch bemüht, empirisch fundierte Antworten auf die Fragen zu finden, die sich mir stellen. Von dem, was ich geschrieben habe, sind achtzig Prozent Analyse, zehn Prozent Wertung und maximal zehn Prozent Maßnahmenvorschläge.

          FRAGE: Aber es ist doch unverkennbar, dass Sie in die Politik hineinwirken wollen.

          ANTWORT: Der Impetus ist unverkennbar, sich mit einem für Deutschland wichtigen Thema auseinanderzusetzen. Dieses Buch hätte genauso gut ein Politologe, ein Historiker oder ein Bevölkerungswissenschaftler schreiben können.

          FRAGE: Aber nicht mit so viel Wirkung. Sie haben heftige Reaktionen provoziert und bekommen. Sind Sie zufrieden?

          ANTWORT: Ich habe diese Reaktionen nicht provoziert. Ich habe sie bekommen. Von denen, die mich kritisiert haben, wäre keinem ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er gesagt hätte: Das Buch erscheint am 30. August, ich habe das für die Nacht vom 30. auf den 31. August zur Nachtlektüre vorgesehen, und am 1. September werde ich mich dazu äußern. Wer einen anderen Weg gewählt hat, hat eben geurteilt, ohne den Inhalt des Buchs zu kennen.

          FRAGE: Aber immerhin konnte man Auszüge vorab lesen...

          ANTWORT: Schlussfolgerungen muss man immer im Lichte der dahin führenden Analyse betrachten. Ob ein Urteil falsch oder richtig ist, kann man nicht dem Urteil selbst entnehmen, sondern nur dem Studium der Prozessakten.

          FRAGE: Die Provokation besteht vor allem darin, dass Sie eine bestimmte Minderheit, die muslimische, aufs Korn nehmen und bestehende Vorurteile mit empirischen Daten untermauern. Darf man das?

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