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Im Gespräch: Thilo Sarrazin (SPD), Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank : "Mein SPD-Parteibuch will ich mit ins Grab nehmen"

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ANTWORT: Nein, ich sehe durchaus, dass muslimische Migranten, auch wenn sie sich hier nicht richtig integrieren, gleichwohl sich ihrer alten Kultur entfremden. Es ist auch völlig richtig, dass sich jede aufnehmende Kultur verändert. Es muss dann nur ein neues Amalgam entstehen, das sich auch weiterentwickelt. Was sich bei uns teilweise abzeichnet, ist die Entwicklung von Parallelgesellschaften, in denen die Integration keine oder nur ganz unzureichende Fortschritte macht. Und das wird umso relevanter, je größer der Anteil der muslimischen Migranten an der jeweiligen örtlichen Bevölkerung ist. Das macht Sorgen.

FRAGE: Liegt es an Ihrer Berliner Perspektive, dass Sie die Integrationserfolge, die es etwa im Südwesten gibt, ausblenden?

ANTWORT: Es gibt auch in Berlin Integrationserfolge. Es freut mich auch sehr, dass wir in Kreuzberger und Neuköllner Schulen sehr gute türkische und arabische Schüler haben, die aus ihren Strukturen ausbrechen. Es geht aber nicht um die Ausnahmen, sondern um die Regel. Und was wir mit unserer Fixierung auf einige großstädtische Brennpunkte übersehen, ist, dass sich in ganz vielen Klein- und Mittelstädten Ähnliches vollzieht.

FRAGE: Warum erwecken Sie den Eindruck, Sie hätten ein Buch über Ausländer geschrieben, wenn doch nur drei von neun Kapiteln von Integration handeln?

ANTWORT: Das ist richtig. Ursprünglich hatte ich ja auch vor, ein Buch über die Probleme des deutschen Sozialstaats und der Bevölkerungsentwicklung zu schreiben. Dann habe ich gesehen, ich komme nicht aus ohne eine systematische Armutsdiskussion, ohne die Abarbeitung des Bildungsthemas, und dann ergab sich, dass ich die Kapitel Migration und Bevölkerungspolitik voneinander trennen musste, weil die kulturellen Probleme muslimischer Migranten mit der Bevölkerungspolitik nur am Rande zu tun haben. So wurde das Buch länger und länger.

FRAGE: Was halten Sie von der Islamkonferenz beim Bundesinnenminister?

ANTWORT: Dazu fällt mir ein Zitat des amerikanischen Journalisten Christopher Caldwell ein: "Alle Länder verfolgen mehr oder weniger dieselbe Strategie zur Assimilation des Islams. Sie verleihen islamischen Lobbygruppen einen pseudo-gouvernementalen Status und erklären, dass dabei ein Islam herauskommen werde, der eher die europäischen Werte reflektiert als umgekehrt." Ich teile auch die Skepsis des deutsch-iranischen Orientalisten Navid Kermani, der gesagt hat: "Bitte schön, sprecht mit den Moderaten, die werfen sowieso keine Bomben. Worüber also wollt ihr mit ihnen sprechen?"

FRAGE: Haben Sie einmal daran gedacht, eine Partei zu gründen - oder wollen Sie nur die Munition dafür liefern?

ANTWORT: Ich war mein Leben lang ein politisch sehr stark interessierter Mensch. Aber zum Frontmann habe ich nie getaugt. Deshalb habe ich mich letztlich für ein Leben nahe der Politik - in der Verwaltung, dann auch in der Wirtschaft - entschieden. Nur weil ich 2002 gerade frei war, konnte mich Klaus Wowereit als Finanzsenator anwerben. Auf einmal war ich doch in der ersten Reihe der Politik, wo ich gar nicht hinwollte. Und dann habe ich das auch gemacht. Mittlerweile habe ich ein Alter erreicht - ich bin jetzt 65 -, in dem man die Aktivitäten, die man im Leben hat, qualifiziert abschließen sollte. Deshalb dieses Buch. Etwas Neues habe ich nicht mehr vor.

FRAGE: Wären Sie denn überrascht, wenn jemand dieses Buch als Anstoß zu einer Parteigründung nehmen würde?

ANTWORT: Parteigründungen enden in Deutschland fast immer so, dass sich dort sehr schnell die Spinner aller Couleur versammeln. Allerdings glaube ich schon, dass SPD und Union lernen müssen, sich stärker wie Volksparteien zu benehmen, wenn sie Wert darauf legen, Volksparteien zu bleiben.

FRAGE: In einigen unserer Nachbarländer hat es ja durchaus erfolgreiche Gründungen rechtspopulistischer Parteien gegeben.

ANTWORT: Ja, und wenn der Geist mal aus der Flasche ist, dann geht er auch nicht wieder rein.

Die Fragen stellte Stefan Dietrich.

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