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Im Gespräch Josette Sheeran, Direktorin des WFP : "Wir können nur jedem zehnten Hungernden helfen"

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FRAGE: Frau Sheeran, die Finanzkrise verdrängt die Nahrungsmittelkrise. Bekommt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen noch genug Geld?ANTWORT: Wir leben allein von freiwilligen Beiträgen.

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          FRAGE: Frau Sheeran, die Finanzkrise verdrängt die Nahrungsmittelkrise. Bekommt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen noch genug Geld?

          ANTWORT: Wir leben allein von freiwilligen Beiträgen. Aber dieses Jahr hatten die Geberländer ihre Beiträge verdoppelt, Saudi-Arabien hat sogar 500 Millionen Dollar gegeben - das war die wohl größte Einzelspende in der Geschichte der Vereinten Nationen. Jetzt hoffen wir, dass die Staaten uns auch 2009 gut unterstützen.

          FRAGE: Wenn die hohen Lebensmittelpreise eine Folge der Wohlstandsmehrung etwa in Asien waren, profitieren dann jetzt die Armen von der großen Rezession?

          ANTWORT: Drei große Krisen treffen nun aufeinander: die Lebensmittelkrise, die Energiekrise und die Finanzkrise. Die sind alle miteinander verflochten, aber auf eine nicht leicht zu durchschauende Weise. In jüngster Zeit sind die Preise für Öl und für Lebensmittel zwar wieder von ihren historischen Höchstständen gefallen - wegen der abgekühlten Konjunktur, aber auch wegen guter Ernten. Aber die Lebensmittel sind immer noch so teuer wie vor 20 Jahren zuletzt, durchschnittlich 24 Prozent teurer als vor einem Jahr. Die strukturellen Gründe für hohe Preise sind eben nicht aus der Welt: eine insgesamt steigende Nachfrage, für die wir eine Verdopplung des Lebensmittelangebots bis zum Jahr 2050 brauchen; die zunehmenden Dürren und Überschwemmungen wegen des Klimawandels; schließlich der steigende Energiebedarf.

          FRAGE: Der Ölpreis ist gerade unter die 50-Dollar-Marke gesunken. Auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise war ein Fass teurer als 100 Dollar.

          ANTWORT: Aber nun entsteht ein Kaufkraftproblem. Ein zentralasiatisches Land zum Beispiel, das seit Anfang der neunziger Jahre keine Nahrungsmittelhilfe mehr benötigte, hat uns gerade alarmiert. 600 000 seiner Einwohner leiden plötzlich Hunger, weil die Rücküberweisungen aus Russland und Kasachstan nachlassen. Wir wissen nicht genau, was kommt, aber wir erwarten sehr schwierige Jahre.

          FRAGE: Wird bei dem gefallenen Ölpreis die Biosprit-Produktion wieder zugunsten des Getreideanbaus nachlassen?

          ANTWORT: In Amerika ist das nicht der Fall, Europa pausiert ein wenig. Aber der Lebensmittel- und der Energiemarkt bleiben verzahnt.

          FRAGE: Ist das unumkehrbar?

          ANTWORT: Nicht, wenn der Ölpreis niedrig bleibt. Erst wenn ein Fass Rohöl um die 70 Dollar kostet, lohnt es sich, andere Stoffe zur Energiegewinnung zu verbrennen.

          FRAGE: Seit Beginn der Bankenkrise gewöhnen wir uns an "Rettungspakete" in dreistelliger Milliardenhöhe. Was würde es kosten, den Hunger auszurotten?

          ANTWORT: Das WFP hilft derzeit etwa 90 Millionen Menschen. Das ist nur etwa ein Zehntel der 923 Millionen Menschen, die derzeit Gefahr laufen, an Hunger zu sterben. Mit etwa sechs Milliarden Dollar können wir Hungersnöte und ähnliches bekämpfen. Aber wir können damit nicht verhindern, dass überall auf der Welt Menschen an Hunger sterben. Würden wir noch einmal fünf oder sechs Milliarden Dollar dazutun, könnten wir das. Die Fähigkeiten haben wir.

          FRAGE: Scheitert es nur am Geld?

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