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: Hinter dem Berg das Dosenpfandland

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Winfried Krüger hat in letzter Zeit einiges mitgemacht mit seiner Tochter. Neulich, auf seinem Sechzigsten, hat sie ihn einem Quiz unterzogen. Es gelte herauszufinden, erklärte sie der Festgesellschaft, ob Papa wirklich ein Deutscher sei oder nicht doch ein heimlicher Holländer.

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          ELTEN/ARNHEIM, im Juli

          Winfried Krüger hat in letzter Zeit einiges mitgemacht mit seiner Tochter. Neulich, auf seinem Sechzigsten, hat sie ihn einem Quiz unterzogen. Es gelte herauszufinden, erklärte sie der Festgesellschaft, ob Papa wirklich ein Deutscher sei oder nicht doch ein heimlicher Holländer. Zuerst musste der frühpensionierte Zöllner dann lauter simple Fragen über die Niederlande beantworten. Ein Kinderspiel für einen, der Jahrzehnte lang auf der A3 zwischen Arnheim und Emmerich stand. Dann kamen die Deutschland-Fragen. Keine einzige konnte er beantworten. Wer hätte auch gewusst, welcher Spieler im zweiten Vorrundenspiel der WM 1982 den dritten Eckstoß ausführte? Also überreichten Tochter Sabrina und ihr niederländischer Lebensgefährte Pascal dem Jubilar unter lautem Gejohle der Gäste einen liebevoll gefälschten "Paspoort" vom "Koninkrijk der Nederlanden". Und als Dreingabe ein retuschiertes Foto von seinem Mercedes mit zwei Oranje-Fahnen.

          Dann feierte Sabrina ihren Achtundzwanzigsten. Man saß auf der Terrasse hinter dem kleinen Häuschen im Emmericher Ortsteil Elten, das sie mit Pascal bewohnt, und guckte Fußball: WM-Halbfinale Holland-Uruguay. Alle waren eingeladen, Omi, die Eltern, der Fast-Schwiegervater aus Holland, Freunde und Kollegen. Aber es gab eine Bedingung: Wer nicht mindestens eine orange Kappe aufsetzte, durfte nicht bleiben. So hatte Sabrina es mit Pascal abgemacht. Er trug dafür bei allen Deutschland-Spielen das DFB-Trikot.

          "An sich gibt es hier ja wirklich gar keine Probleme mehr zwischen Deutschen und Holländern", sagt Winfried Krüger, "nicht hier bei uns im Grenzgebiet." Auch damals, beim Zoll, habe es unter fünfzig niederländischen Kollegen gerade mal einen gegeben, "der sich weggedreht hat, wenn wir Deutschen kamen". Und Sabrinas Pascal hat Krüger sowieso ins Herz geschlossen. "Aber dieses Holland-Trikot anzuziehen, das hat mich ganz schön Überwindung gekostet", gibt er zu, und seine Miene verfinstert sich. "Ich kann einfach nicht vergessen, wie 1988 bei der Europameisterschaft dieser Ronald Koeman auf dem Platz so tat, als würde er sich den Hintern mit dem Deutschland-Trikot abwischen."

          Auch in Elten, hat Sabrina gehört, war damals nach dem Oranje-Sieg im EM-Finale einiges los. "Da sind die Holländer gekommen und haben Eier und Kacke auf unsere Häuser geworfen!" Immerhin hatte Torwart Hans van Breukelen den Sieg über Deutschland als "Geschenk an die Kriegsgeneration" bejubelt. Aber das ist 22 Jahre her. Dieses Jahr hing Sabrinas Deutschland-Flagge einträchtig neben Pascals holländischer Trikolore vor dem Wohnzimmerfenster. Ständig wurden sie von den Nachbarn darauf angesprochen. "Aber alle haben gesagt: Ihr macht das genau richtig", erzählt Sabrina. "Vor ein paar Jahren wäre das noch ganz anders gewesen!" Während der WM 2006 kellnerte Sabrina in einem der Dörfer jenseits der Grenze. Am Tag eines Deutschland-Spiels erschien sie mit Fähnchen zum Dienst. Der Fanartikel überlebte nicht lang. "Das gab richtig ruzie", sagt sie. "Ruzie" (sprich: rüsi) ist holländisch und heißt Streit.

          Sabrina benutzt oft holländische Worte. Wenn sie zu Hause losradelt, ist sie in fünf Minuten im Nachbarland, ganz gleich, ob sie nach Norden, Westen oder Süden fährt. Noch vor Verlassen des Bundesgebiets verkündet die "Gaststätte Vink" auf ihren Stelltafeln schon nur noch auf Niederländisch, dass "kinderen vrijdags gratis eten". Eine Kurve weiter ist man schon in Pascals Heimatdorf Lobith. Dort bewirbt der Krämerladen "De Hut" seine Angebote nur auf Deutsch: sechs Pfund Tengelmann-Kaffee für zehn Euro, Bierbüchsen ohne Dosenpfand, 20 Paracetamol-Tabletten für 69 Cent.

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