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Fremde Federn: Reinhard Loske : Ist ohne Wachstum wirklich alles nichts?

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Die Ergebnisse, die uns aus der Klimaforschung erreichen, werden immer eindeutiger und bedrückender. Soll die Erderwärmung noch einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden, muss der weltweite Ausstoß an Klimagasen bis 2050 auf ein Drittel des heutigen Umfangs zurückgeführt werden.

          Die Ergebnisse, die uns aus der Klimaforschung erreichen, werden immer eindeutiger und bedrückender. Soll die Erderwärmung noch einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden, muss der weltweite Ausstoß an Klimagasen bis 2050 auf ein Drittel des heutigen Umfangs zurückgeführt werden.

          In der Verantwortung sind vor allem die Industriestaaten, die mit ihrer Wirtschaftsweise und dem Lebensstil ihrer Bevölkerungen den Klimawandel in der Hauptsache verursachen: Bis Mitte des Jahrhunderts müssen wir unseren Ausstoß an Kohlendioxid auf ein Zehntel des heutigen Niveaus verringern, also weitgehend dekarbonisiert sein.

          Innerhalb der politischen Klasse der Industriestaaten gibt es - etwas vergröbert - drei verschiedene Strategien, um dem Klimawandel zu begegnen: Abwarten und bei Bedarf anpassen; den technischen Fortschritt ergrünen lassen; Kulturwandel und Abschied vom Wachstumszwang.

          Offene Plädoyers für die Option, den Klimawandel hinzunehmen und Anpassungsstrategien zu entwickeln, findet man kaum. Die Risiken unterlassenen Klimaschutzes und die damit verbundenen Kosten für die Menschheit sind zu groß. Zumindest nach außen hin ist es deshalb inzwischen unstrittig, dass Klimaschutz und der Vermeidung von Emission höchste politische Bedeutung zukommen. Allerdings sind viele Regierungen noch nicht so weit, dass sie den Worten Taten folgen ließen. Auch die deutsche nicht.

          Das Plädoyer für eine grüne Technologierevolution ist hingegen auf dem besten Wege, zum neuen Mantra des Klimaschutzes zu werden. Praktisch jeder kann es aufsagen, ohne Anstoß zu erregen: Das Hohelied von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz, Ressourcenintelligenz und Elektromobilität, Umweltmanagement und Ökoinnovationen ziert heute die meisten Parteiprogramme.

          Dennoch bleibt die Frage, ob der bloße Ersatz von ökologisch ineffizienter Technik durch ökologisch effiziente Technik an die Wurzeln der Klimakrise heranreicht. Der Blick in die Vergangenheit nährt Zweifel: Es gibt verbrauchsärmere Autos, aber immer mehr Autos, sparsamere Elektrogeräte, aber immer mehr elektrische Anwendungen, weniger Wärmebedarf je Quadratmeter Wohnfläche, aber immer größere Wohnungen. Im Ergebnis sinkt der Ressourcenverbrauch trotz technischen Fortschritts nicht.

          Anpassungsstrategien und Technologierevolution greifen daher zu kurz. Um dem Klimawandel zu begegnen, brauchen wir einen Wandel hin zu einer klimaverträglichen Kultur, die sich Schritt für Schritt vom Wachstumszwang und dem Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für Wohlstand befreit und Technik zweckgerichtet in gesellschaftliche Ziele einbettet. Dieser Ansatz setzt an der Wachstumskritik der siebziger Jahre an, in deren Zentrum die biophysikalischen Grenzen des Wirtschaftens ebenso standen wie die Zweifel am Sinn immerwährender Expansion für den Einzelnen und die Gesellschaft.

          Allerdings muss der Wandel zu einer klimaverträglichen Kultur die alten, von Verzichtsrhetorik geprägten Debatten hinter sich lassen: Es geht nicht darum, für oder gegen Wachstum und für oder gegen Technik zu sein. Wachstumserfordernisse hier und Schrumpfungsnotwendigkeiten dort müssen anerkannt werden. Auch ist die schlichte Tatsache anzuerkennen, dass absolute Zuwächse bei hohem Niveau des Sozialprodukts sich zwangsläufig in geringen Wachstumsraten widerspiegeln.

          Dass ohne Wachstum alles nichts sei, wie jüngst Bundeskanzlerin Merkel meinte, ist eher als Diagnose einer Krankheit zu verstehen. Wenn unsere Gesellschaft, die öffentlichen Haushalte und das soziale Sicherungssystem permanentes Wachstum zur unbedingten Voraussetzung hätten, stünden wir bald vor dem "Nichts". Wir müssen uns also fragen, wie man Individuen und Unternehmen vom Wachstumszwang befreien kann.

          Wie können wir gut leben und wirtschaften, ohne ständig mehr haben zu müssen? Wie würden in einer klimaverträglichen Gesellschaft die Unternehmensverfassungen aussehen, wie die Arbeitszeiten und -beziehungen, wie die sozialen Sicherungs- und Kooperationssysteme, wie der Staat und seine Finanzverfassung?

          Auf viele dieser Fragen gibt es noch keine überzeugenden Antworten. Die Suche nach dem rechten Maß, das wir finden müssen, um den Klimawandel wirksam zu bekämpfen, ist eine Aufgabe von weltumspannendem Format. Eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages über das Verhältnis von Klimawandel und Wirtschaftswachstum, in der Politiker, Wissenschaftler, Repräsentanten der Wirtschaft und Vertreter der Gesellschaft zusammenarbeiten, kann wegweisende Antworten auf der Höhe der Zeit finden, um unsere Gesellschaft zukunftsfähig zu machen.

          Der Verfasser ist Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Freien Hansestadt Bremen und war Mitglied des Bundestages (Grüne).

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