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Fliegen in Afrika : Aleksandr, der Bruchpilot

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Schlamperei und Korruption sind die Hauptgründe für die Flugzeugabstürze in Kongo - hier am 16. April 2008 in Goma Bild: AP

Sie folgten ihren Flugzeugen, als die sowjetischen Antonows in Kongo und anderswo in Afrika verkauft wurden: russische Piloten, die mit ihrer militärischen Vergangenheit auch die Flugsicherheit hinter sich lassen mussten. Denn in Kongo gilt der Satz: Geld geht vor Vernunft.

          Die Frage, ob man schon einmal auf einem Flugzeugträger gelandet sei, hätte skeptisch machen müssen. Das hatte Aleksandr wissen wollen, als er die zweimotorige Let 410 in den Himmel über Goma schraubte und Kurs auf Walikale nahm. In seinem zungenschweren Englisch hatte er etwas von "kontrolliertem Absturz" gemurmelt. Und dabei herzhaft gelacht.

          Dreißig Minuten später, im Anflug auf Walikale, scheint dem Spaßvogel das Lachen allerdings vergangen zu sein. Denn die Let bockt in den Turbulenzen wie ein störrischer Esel. Mal sackt sie nach unten durch, dann wieder wird sie nach rechts gedrückt. Und immer wenn der schweißgebadete Aleksandr das Flugzeug auf Kurs zurückgebracht hat, trifft die nächste Bö und das Spiel mit Seitenruder, Steuerknüppel und Schubkraft beginnt von neuem, bis in der Cockpitscheibe ein Stück Asphalt aus dem immergrünen Urwald auftaucht: die Hauptstraße von Walikale, die gleichzeitig die Landebahn ist; 300 Meter lang, mit zahlreichen Schlaglöchern übersät und zudem nicht vollständig einzusehen, weil sie eine Kurve beschreibt.

          Bewaffnetes Gesindel und verwegene Gestalten

          Walikale, das ist Synonym für alles, was schiefgeht in Kongo. Walikale ist die Welthauptstadt der Koltan- und Kasserit-Förderung, jener beiden sündhaft teuren Erze, die vor allem in Handys und Computer-Spielkonsolen Verwendung findet. Zehntausend Menschen graben in den Hügeln rund um den ostkongolesischen Weiler nach dem Erz. Walikale, das ist die kongolesische Variante des Clondike mit all seinen Nebenerscheinungen: dem Faustrecht, dem bewaffneten Gesindel und verwegenen Gestalten wie Aleksandr, dem Piloten aus Sewastopol am Schwarzen Meer.

          Unter dem Fahrwerk des kleinen Flugzeuges sausen die ersten Baumwipfel vorbei. Aleksandr lässt die immer noch schaukelnde Let sinken, bis die Maschine in einer Schneise knapp unterhalb der Baumkronen fliegt, die sich keine zwei Meter von den beiden Tragflächenspitzen entfernt auftürmen. Die Bäume sind der Grund, warum auf der Walikale-Strecke die Let und keine der sonst üblichen Antonows eingesetzt wird: Nur das kleine tschechische Flugzeug mit seiner geringen Spannweite passt haarscharf zwischen die Urwaldriesen.

          Es klingt wie Gewehrfeuer

          Die Maschine setzt hart auf, Aleksandr steigt auf die Bremsen und haut die Schubumkehr rein, während er gleichzeitig das Seitenruder bedient, um die Kurve zu bewältigen, die rasend schnell näher kommt. In den Augenwinkeln tauchen am Rand der Straße Flugzeugwracks auf und verschwinden wieder: zerfetzte Zeugnisse einer haarsträubenden Risikobereitschaft. Endlich steht das Flugzeug. Hastig werden die Lebensmittel aus- und die 50 Kilo schweren, erdfeuchten Kasserit-Säcke eingeladen. 1,8 Tonnen insgesamt und damit 500 Kilo mehr als das zulässige Maximalgewicht. Drei Männer drehen die Let auf der Straße. Sie arbeiten schnell und routiniert, sie machen das bis zu 40 Mal am Tag. Am Himmel schwillt bereits der Motorenlärm der nächsten Maschine an, die Walikale "blind" ansteuert. Funkgerät, Luftaufsicht, ein Fluglotse? "Mann, das hier ist Kongo", sagt Aleksandr und gibt Vollgas, kaum dass die Tür geschlossen ist. Er will in der Luft sein, bevor die Konkurrenz auf der Straße landet und alles blockiert.

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