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: Doch ein Mord aus Staatsräson?

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Der 80 Jahre alte Rolf Hochhuth freut sich. Die polnische Justiz interessiert sich "endlich" für seine "Soldaten". Wegen dieses Geschichtsdramas über Kriegspremier Churchill und General Sikorski stehe er "schon Jahrzehnte im englischen ...

          Der 80 Jahre alte Rolf Hochhuth freut sich. Die polnische Justiz interessiert sich "endlich" für seine "Soldaten". Wegen dieses Geschichtsdramas über Kriegspremier Churchill und General Sikorski stehe er "schon Jahrzehnte im englischen Fahndungsbuch, obgleich oder weil mein Stück weit über hundert Mal in London lief", meint er stolz. "Ich staune, dass man in Warschau mit der Befragung von Zeugen so lange gewartet hat, bis garantiert alle tot waren." Für ihn steht fest: "Sikorski wurde 1943 in Gibraltar ermordet."

          War der Tod des 1881 geborenen Offiziers und Politikers, der seit Ende September 1939 der polnischen Exilregierung in Paris und später in London vorstand, kein Unfall? Am 4. Juli 1943, um 23.07 Uhr, stürzte beim britischen Militärstützpunkt Gibraltar 16 Sekunden nach dem Start die Liberator AL 523 ins Meer - samt Sikorski, seiner Tochter und Mitarbeitern. Nur der Pilot überlebte. Die Leiche des Generals wurde aus dem Wasser gefischt und auf dem Friedhof der polnischen Flieger in Newark bei Nottingham beerdigt. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurden die sterblichen Überreste 1993 auf den Krakauer Wawel überführt. Ende 2008 fand eine gerichtsmedizinische Untersuchung statt wegen des Verdachts eines "kommunistischen Verbrechens". Zuständig war Staatsanwältin Ewa Koj als Leiterin des Ausschusses zur Verfolgung von Verbrechen gegen die polnische Nation. Sie hat sich nun mit Hochhuth in Verbindung gesetzt; den Fragebogen überbrachte die Berliner Staatsanwaltschaft.

          Hochhuth landete 1963 mit seinem Erstling "Der Stellvertreter" einen Welterfolg. Vier Jahre später gelang ihm mit "Soldaten" wieder ein Coup. Darin nahm er sich des Flächenbombardements auf deutsche Städte sowie des Absturzes des Sikorski-Flugzeugs an. Hier stützte sich Hochhuth auch auf Werke des damals erfolgreichen Sachbuchautors und späteren Holocaustleugners David Irving: "The Destruction of Dresden" (1963) und "Accident. The Death of General Sikorski" (1967). Vor der Uraufführung äußerten sich Hochhuth und Irving im Oktober 1967 gemeinsam im Fernsehen. Für die Unterstellung, Churchill habe den Ministerpräsidenten ermorden lassen, berief sich Hochhuth auf die "Aussage eines gebürtigen Briten. Dieser Mann lebt noch." Auf Irvings Einwurf, er solle "Einzelheiten" erzählen, sagte Hochhuth: "Ich würde lieber in Kauf nehmen, dass das Stück die nächsten Jahrzehnte verboten wird, als dass ich einen Namen nenne." Angeregt durch den Zeitzeugen habe er viele Indizien gefunden für eine "unglaubliche Tatsache": "Ich bin der festen Meinung, wenn Churchill der Täter ist, dann hatte er keine andere Wahl, dann war es eine Maßnahme der Staatsräson." Die Exilregierung habe 1943 Stalin provoziert durch ihre Forderung, "die Toten von Katyn zu untersuchen". Sogar die Gefahr eines deutsch-sowjetischen Separatfriedens hätte bestanden: "Ich bin überzeugt, dass Churchill der Retter Westeuropas ist und dass er bei dieser Rettung Mittel und Wege finden und gehen musste, die sich für uns Durchschnittsbürger verbieten."

          Kurz nach Beginn des "Russlandfeldzugs" hatten die polnische Exilregierung und die Sowjetunion im Juli 1941 diplomatische Beziehungen aufgenommen, die durch Streitigkeiten über Nachkriegsgrenzen und Konföderationspläne für Ostmitteleuropa belastet waren. Die schwerste Krise begann, als das Deutsche Nachrichtenbüro am 13. April 1943 meldete, dass in einem Wald bei Smolensk - damals deutsch besetzt - Massengräber mit den Leichen Tausender polnischer Offiziere entdeckt worden seien: im Frühjahr 1940 von den Sowjets "ermordet". Das wies der Kreml als "Verleumdung schlimmster Art" zurück und bezichtigte das "Dritte Reich" dieser Mordaktion. Das NS-Regime wandte sich an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), und sogar die polnische Exilregierung bat das IKRK um eine neutrale Untersuchung. Die Bitte lieferte der Sowjetunion am 26. April den Vorwand, die Beziehungen zur Exilregierung abzubrechen - noch bevor Sikorski unter britischem Druck am 4. Mai das Untersuchungsbegehren zurückzog.

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