https://www.faz.net/-1v1-15uz6

: Die neue Bescheidenheit am Nürburgring

  • Aktualisiert am

Gleich an seinem ersten Arbeitstag als neuer Geschäftsführer hat Hans-Joachim Koch den Chefparkplatz abgeschafft. Seit vergangenem Dezember darf jeder der 238 Mitarbeiter der Nürburgring GmbH sein Auto auf der einst streng reservierten Parkfläche abstellen.

          5 Min.

          NÜRBURG, im März

          Gleich an seinem ersten Arbeitstag als neuer Geschäftsführer hat Hans-Joachim Koch den Chefparkplatz abgeschafft. Seit vergangenem Dezember darf jeder der 238 Mitarbeiter der Nürburgring GmbH sein Auto auf der einst streng reservierten Parkfläche abstellen. Und auch andere Privilegien, die sein vom Aufsichtsrat fristlos gekündigter Vorgänger Walter Kafitz für sich beanspruchte, hat Koch sofort beendet. So verzichtet er auf Chauffeur und Dienstlimousine. Selbst die aus seiner Sicht für eine Firma dieser Größe "überdimensionierten" Büroräume des früheren Nürburgring-Chefs Kafitz hat Koch nicht bezogen.

          Die neue Bescheidenheit, die seit der Berufung des 52 Jahre alten Managers Ende November 2009 in dem landeseigenen Unternehmen Programm ist, dürfte ganz im Sinne des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck und seines für den Nürburgring verantwortlichen Wirtschaftsministers Hendrik Hering (beide SPD) sein. Denn das Freizeit- und Geschäftszentrum an der legendären Formel-eins-Rennstrecke in der Eifel produziert seit Monaten fast nur noch Negativschlagzeilen. Nicht genug, dass sich im Mainzer Landtag auf Druck der Opposition von CDU und FDP ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit der Anfang Juli 2009 spektakulär gescheiterten Finanzierung des Vorhabens durch Privatinvestoren und einen windigen Schweizer Finanzmakler befasst - eine politische Pleite, die kurz vor der Eröffnung der neuen Nürburgring-Attraktionen Mitte Juli auch den Kopf des dafür verantwortlichen Finanzministers und Beck-Vertrauten Ingolf Deubel (SPD) kostete.

          Weitaus gefährlicher für die politische Zukunft Becks und seiner Partei ist mit Blick auf die Landtagswahl am 27. März 2011 die immer noch unsichere wirtschaftliche Zukunft des ambitionierten Infrastrukturprojekts, das die meisten Arbeitsplätze in der Region bietet. Auch hier will die Opposition von CDU und FDP bis zur Wahl mit kritischen Fragen im Untersuchungsausschuss, in dem Beck an diesem Dienstag zum ersten Mal als Zeuge vernommen wird, Druck machen. Seine Partei werde die "gigantische Verschwendung" von Steuergeldern das ganze Jahr über zum Thema machen, kündigte der CDU-Landes- und -Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf an. Das fängt aus seiner Sicht schon bei den Baukosten an, die innerhalb von vier Jahren von 215 auf 350 Millionen Euro geradezu explosionsartig gestiegen sind. Wirtschaftsminister Hering gestand nun ein, dass es "gravierende Fehler" in der Bauplanung gegeben habe, die zu "Fehleinschätzungen" bei den Baukosten führten.

          Immerhin sieht man an den gewaltigen Ausmaßen der neu errichteten Gebäude, wohin die vielen Steuermillionen geflossen sind. Der überdachte "Boulevard", parallel zur Zuschauertribüne der Rennstrecke gebaut, ist eine riesige, langgestreckte Halle mit glänzenden Granitböden. Von der weitläufigen Eingangshalle aus flanieren die Besucher über eine Strecke von gut 350 Metern an elegant gestalteten "Showrooms" und "Stores" verschiedener Sportautomarken wie Ferrari vorbei. Neben dieser Flaniermeile, in der sich in den Wintermonaten unter der Woche indes nur wenige Besucher verirren, soll eine Veranstaltungsarena für Judomeisterschaften oder Gastspiele des Musicals "Abba The Concert" Umsatz machen.

          Topmeldungen