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: Die Geburt eines der ärmsten Staaten der Welt

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JUBA, 9. Januar. Der Mann sieht reichlich zerknittert aus und ist über und über mit weißem Staub bedeckt. Kein Auge habe er zugetan, die ganze Nacht vor dem Wahlbüro unweit der Kathedrale von Juba auf der nackten Erde gehockt, eine ...

          JUBA, 9. Januar. Der Mann sieht reichlich zerknittert aus und ist über und über mit weißem Staub bedeckt. Kein Auge habe er zugetan, die ganze Nacht vor dem Wahlbüro unweit der Kathedrale von Juba auf der nackten Erde gehockt, eine Zigarette nach der anderen geraucht und dazu süßen Tee getrunken, um sich wachzuhalten, erzählt Job Kat Duffal und strahlt dabei über das ganze Gesicht. "Ich will der Erste sein", erklärt er seinen robusten Einsatz, "der Erste, der in Juba für die Unabhängigkeit stimmt."

          Vier Millionen Südsudanesen waren am Sonntag beim Referendum aufgefordert, für oder gegen die Unabhängigkeit von der Islamischen Republik Sudan im Norden abzustimmen. Die Wahlzettel trugen zwei Symbole: eine flache, hochgehaltene Hand für "Sezession" und zwei ineinander verschränkte Hände für "Einheit". "Das hätten die sich sparen können", grinst Job Kat unter dem Gelächter der Wähler in der Schlange hinter ihm. Niemand, sagt er, stimme für den Verbleib Südsudans beim muslimischen Norden. Das Referendum, das aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Teilung des größten Landes Afrikas enden wird, war Teil des 2005 zwischen dem christlich-animistischen Süden und dem muslimischen Norden Sudans geschlossenen Friedensabkommens, das einen 23 Jahre dauernden Bürgerkrieg mit mutmaßlich 2,5 Millionen Toten beendete. Der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden Sudans begann unmittelbar nach dem Ende der ägyptisch-britischen Kolonialherrschaft 1956. Seither wehren sich die Südsudanesen gegen eine islamische Rechtsprechung, gegen Arabisch als Schulsprache und gegen ein Dasein als Menschen zweiter Klasse. "Darauf haben wir 50 Jahre gewartet", sagt Job Kat.

          Die Wahlbeteiligung in der Hauptstadt Juba jedenfalls war gewaltig. Vor jedem Wahlbüro hatten sich bereits in den Morgenstunden lange Schlangen gebildet, womit sich die Sorge um eine geringe Wahlbeteiligung als unnötig erwies. Das Ergebnis des Referendums ist nur dann gültig, wenn mindestens 60 Prozent aller registrierten Wähler abstimmen. Mit einem Ergebnis indes wird nicht vor dem 16. Januar gerechnet. Das Referendum wird sich aufgrund der schlechten Verkehrsverbindungen in Südsudan über sieben Tage hinziehen und soll erst am 15. Januar enden. Anschließend soll das Ergebnis in Khartum verkündet werden.

          Nach Angaben der südsudanesischen Sicherheitskräfte war es bis zum Sonntagabend zu keinerlei Zwischenfällen gekommen. Am Samstag waren in Abyei und Unity State mehrere Menschen bei zwei Feuerüberfällen getötet worden. Das staatliche südsudanesische Fernsehen zeigte Bilder von in Unity State Festgenommenen, die aussagten, bezahlt worden zu sein, um das Referendum zu sabotieren. Teile der beiden Regionen werden sowohl vom Norden als auch vom Süden beansprucht. Der südsudanesische Innenminister unterstellte Khartum, die Söldner angeheuert zu haben, was der Norden dementierte. In Abyei wiederum soll ein Streit zwischen arabischen Nomaden und schwarzafrikanischen Dinka um Wasser für eine Viehherde zu Schießereien geführt haben. Der künftige Grenzverlauf insbesondere in Abyei ist nach wie vor ungeklärt, weil beide Seiten nicht nur die Ölfelder von Heglig beanspruchen, sondern auch Weidegründe.

          Der Präsident der südsudanesischen Regionalregierung, Salva Kiir, der künftig Präsident eines unabhängigen Südsudans sein dürfte, verbeugte sich bei seiner Stimmabgabe an der Gedenkstätte für den im August 2005 verstorbenen Rebellenführer John Garang. "Ich denke an John und alle diejenigen, die zusammen mit ihm für unsere Freiheit gestorben sind", sagte Kiir. "Heute haben wir die Gewissheit, dass ihr Tod nicht sinnlos war." Dem Norden bot Salva Kiir bei der Gelegenheit eine "friedliche Koexistenz" an. Das Regime in Khartum hat sich nach Worten seines Präsidenten Omar al Baschir zwar mit der Sezession abgefunden, die Zukunftschancen des neuen Staates aber beurteilt Baschir skeptisch: "Ich glaube nicht, dass der Süden reif ist für die Unabhängigkeit", sagte er am Wochenende.

          Südsudan mit seinen 8,5 Millionen Einwohnern wird nach der Unabhängigkeit eine der ärmsten Nationen der Welt sein; ein Land, das mit knapp 600 000 Quadratkilometern größer ist als Frankreich und auf gewaltigen Ölreserven sitzt, aber über keine Infrastruktur verfügt; ein Staat, dem qualifizierte Menschen fehlen; ein Gebilde, in dem die ethnischen Rivalitäten im Laufe der Jahrzehnte mutmaßlich mehr Todesopfer gefordert haben als der Krieg mit dem Norden. Der amerikanische Sonderbeauftragte für Sudan, Scott Gration, der zusammen mit dem Senator John Kerry und Schauspieler George Clooney nach Juba gereist war, sprach von "viel Arbeit", die vor der neuen Nation liege, und sicherte ihr die Unterstützung Amerikas zu.

          Die Wähler vor der Kathedrale von Juba fechten Vorbehalte gegenüber der Lebensfähigkeit des neuen Staats nicht an. "Ich verspreche mir von unserer Unabhängigkeit ein Land, in dem die Menschenrechte geachtet werden und in dem jeder eine faire Chance erhält", sagt Mathilde Koma Koen bei ihrer Stimmabgabe. Mathilde studiert Veterinärmedizin in Khartum. Sie sei nur für die Volksabstimmung nach Juba gekommen, erzählt sie, und wolle anschließend sofort zurück zu ihren Büchern. "Ich hoffe, die lassen mich noch rein nach Khartum", sagt sie. Für den Fall einer Sezession des Südens hatte Baschir angekündigt, Südsudanesen als Ausländer zu betrachten, die sich nicht länger unbegrenzt im Norden aufhalten dürften.

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