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: Der Historiker als Dienstleister

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Wenn es einem gelingt, nicht nur eine eigene Forschungsstelle zu gründen und zu finanzieren, sondern auch zum Auftakt einer neuen Vortragsreihe einen (ehemaligen) Bundeskanzler zu gewinnen, dann hat man es geschafft.

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          Wenn es einem gelingt, nicht nur eine eigene Forschungsstelle zu gründen und zu finanzieren, sondern auch zum Auftakt einer neuen Vortragsreihe einen (ehemaligen) Bundeskanzler zu gewinnen, dann hat man es geschafft. Gregor Schöllgen, Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte in Erlangen und Leiter des "Zentrums für Angewandte Geschichte" (ZAG), holte Ende Januar sogar ohne Honorar Gerhard Schröder zu weltpolitischen Betrachtungen ("Nach der globalen Finanzkrise") in die bis auf den letzten Platz gefüllte Aula der Schlosses. Dort erinnerte ein stolzer Rektor daran, dass erst zum zweiten Mal ein Bundeskanzler der Erlanger Universität die Ehre des Besuchs erwies.

          Vor Schröder war Helmut Kohl dort, und zwar 1995, als Kohls (einst Heidelberger) Doktorvater Walther Peter Fuchs den 90. Geburtstag feierte. Und weil alles irgendwie mit allem zusammenhängt: Schöllgen ist einer der Nachfolger auf dem Fuchs-Lehrstuhl, sitzt heute in dessen Dienstzimmer im Historischen Institut. Den 58 Jahre alten Schöllgen, der seit 25 Jahren Erlangen die Treue hält, drängt es aber aus der behaglichen Ordinarienstube heraus. Bei der Einwerbung von Mitteln ist er so erfolgreich, dass er sich die Forschungsstelle mit Geschäftsführer (unbefristet) und vier wissenschaftlichen Angestellten (mit halber Wochenstundenzahl und befristet) leisten kann. Diese ist räumlich vom Historischen Institut getrennt in einem kleinen Haus untergebracht, das die Universitätsleitung unentgeltlich dem ZAG ausgerechnet auf dem Gelände der Sportwissenschaftler zur Verfügung stellte. Und das hat den Leistungswillen des gelernten Philosophen (über Max Weber) und habilitierten Historikers (Imperialismus), dessen Schwerpunkt die internationalen Beziehungen von Bismarck bis Schröder sind, weiter beflügelt.

          "Das Erlanger Zentrum für Angewandte Geschichte macht die Geschichte von Individuen und Gemeinschaften sichtbar und so für die Herausforderungen der Gegenwart wie der Zukunft nutzbar. Wir gehen der Geschichte auf den Grund und geben ihr ein Gesicht. Wir zeigen, was in Geschichte steckt. Wir kapitalisieren Geschichte." So führte Schöllgen die Vortragsveranstaltung mit Schröder ein. Und er fügte hinzu: "Wir verstehen uns als Dienstleister. Unser Angebot ist umfassend. Wir recherchieren die Geschichte von Familien, Unternehmen und Organisationen und schreiben sie auf."

          Derzeit steht die sechste Darstellung eines Familienunternehmens vor dem Abschluss. Bisher liegen drei als Bücher vor: "Diehl" (2002), "Brose" (2008, auch englische, spanische, tschechische und chinesische Ausgabe) und "Der Eiskönig. Theo Schöller" (2008). Im Herbst soll ein Gustav-Schickedanz-Buch ("Quelle") folgen. Unveröffentlicht blieb eine Auftragsarbeit für die Schaeffler-Gruppe. In Arbeit ist eine Studie über den Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf. Außerdem ordnet das ZAG auch Firmenarchive, konzipiert Dokumentationen und Ausstellungen.

          Das ZAG "lebt" von Aufträgen aus der Wirtschaft, was im Bereich der Geisteswissenschaften die Ausnahme ist. Laut Schöllgen ersetzt staatliche Alimentierung in der Regel die marktgesteuerte Nachfrage. "Staatliche Institutionen, wie Lehrstühle oder Institute, werben nicht nur bei anderen staatlichen Institutionen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft Mittel ein, sondern sie wählen ihrerseits auch diejenigen, die über die Vergabe der Mittel und über die Ergebnisse der solchermaßen subventionierten Forschung befinden." Die Möglichkeit, Ergebnisse subventionierter Forschung einzuklagen oder gar das Scheitern zu sanktionieren, gebe es nicht - was "inzestuös und dringend korrekturbedürftig" sei.

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