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: Bienen-Boom in Berlin

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BERLIN, 29. Mai. Wenn Frank Hinrichs zu seinen Bienen will, muss er zuerst zum Pförtner. Ein kurzer Gruß, und der Imker bekommt einen dicken Schlüsselbund. Den braucht Hinrichs für die zahlreichen Türen im Berliner Dom, die er auf ...

          BERLIN, 29. Mai. Wenn Frank Hinrichs zu seinen Bienen will, muss er zuerst zum Pförtner. Ein kurzer Gruß, und der Imker bekommt einen dicken Schlüsselbund. Den braucht Hinrichs für die zahlreichen Türen im Berliner Dom, die er auf dem Weg zu seinen Bienenwohnungen öffnen und wieder verschließen muss. Über einige Flure geht es zunächst in die prachtvolle Predigerkirche. Hinrichs überholt die Besuchergruppen und verschwindet durch den Ausgang unter der berühmten Sauer-Orgel. Statt die 270 Stufen zur Kuppel hinaufzusteigen, schließt der Imker einen kleinen Fahrstuhl auf. Danach geht es noch eine enge Wendeltreppe hoch, weiter durch schmale Gänge, kleine Türen und Pforten bis in den unteren Kuppelumgang. Ein letztes Mal dreht Hinrichs einen seiner zahlreichen Schlüssel herum. Die Tür gibt den Blick frei auf das Dach des Berliner Doms. Ein leichter Wind weht eine Lautsprecherstimme hinauf, die den Touristen auf dem unten vorbeiziehenden Spreedampfer die historische Mitte Berlins erklärt. Zu den Attraktionen gehören seit diesem Frühjahr auch die beiden Bienenvölker, die zu Füßen der gewaltigen Skulptur von Johannes dem Täufer auf den Kupferplatten des Domdachs ihren Sommersitz haben. Von einem der schmalen Fenster im Kuppelgang verfolgen einige Dombesucher neugierig, wie Frank Hinrichs eine Honigzarge aus der Bienenwohnung nimmt. "Schauimkern", murmelt Hinrichs und nickt den Touristen zu. An dem spektakulären Standort fallen die Bienenbehausungen eigentlich nur deshalb auf, weil sie so schmucklos und nüchtern sind. Die "Dom-Bienen" sind, wie ihre Artgenossen in Hinrichs' heimischem Garten, in schlichten Holzkisten oder "Holzbeuten", wie der Imker sagt, untergebracht. Für den "Dom-Honig", den sie dort nichtsahnend produzieren, schleppen die Insekten süße Säfte aus dem Lustgarten oder Tiergarten, von den Bäumen entlang des Spreeufers oder von Blüten aus den Grünanlagen rund um die Museumsinsel heran.

          Frank Hinrichs gehört zur neuen Generation von Stadtimkern, die in Metropolen wie Paris, London, New York und eben auch Berlin Bienenvölker halten. Der Dreiundvierzigjährige ist eigentlich Architekt, arbeitete in der Hotelprojektentwicklung und eröffnete vor einigen Jahren das Hostel Citystay in Berlin-Mitte. Zuvor lebte er für eine Weile auf Sizilien, heiratete eine Britin kenianischer Herkunft und wohnt nun als imkernder Familienvater im Berliner Stadtteil Gatow. Aufgewachsen ist er im norddeutschen Künstlerdorf Worpswede. "Mit Bienen verbinde ich auch Kindheitserinnerungen", sagt Hinrichs. Ein bisschen Nostalgie und zurück zur Natur - so sind auch andere Stadtimker "auf die Biene gekommen". Zugleich wird die traditionelle Kulturtechnik der Imkerei neu arrangiert und inszeniert, damit sie ins Zeitkorsett des Großstadtalltags passt. So suchte Hinrichs ursprünglich eine Gelegenheit, sich auf der langen Pendelstrecke zwischen Heim und Hostel seinen Bienen widmen zu können. Einen ebenso praktischen wie prominenten Platz fand er im Park von Schloss Bellevue. "Sechs Bienenstöcke stehen beim Bundespräsidenten", sagt Hinrichs. Als Nächstes suchte er einen Bienenstandort für die Mittagspause. Der Garten am Berliner Dom schien Hinrichs ideal. Aber die Domverwaltung hatte noch eine bessere Idee. Oben aufs Dach sollten die Berliner Bienen - so wie ihre britischen Artgenossinnen auf der St.-Pauls-Kathedrale in London. Honig aus exklusiver Londoner Höhenlage bietet auch das Feinkostkaufhaus "Fortnum & Mason", auf dessen Dach ebenfalls ein Bienenstock steht. Für "Fortnum's Bees", wie der karamellfarbene Honig mit der angeblich zart-delikaten Note und dem angenehmen Abgang, heißt, gebe es eine lange Warteliste, informiert die Delikatessenabteilung.

          Ein Hauch von Exklusivität umweht auch die Pariser Stadtbienen, die auf der prachtvollen Opéra Garnier zu Hause sind. Da wollte New York nicht länger hinter den europäischen Metropolen zurückstehen. Vergangenes Jahr hob die New Yorker Gesundheitsbehörde das Verbot der Bienenhaltung auf. Einstige "Urban Underground Beekeeper", die durch illegale Bienenhaltung ökologisch motivierte Aufsässigkeit demonstrierten, so, wie andere Stadtbewohner für die Imagepflege den Kampfhund brauchen, geben nun Imkerkurse für bürgerliche New Yorker aus der klimatisierten Hochhauswelt.

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