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: Auf wackeligem Boden: Mülheim-Kärlich

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Zwar ist in Deutschland die Erdbebengefahr gering, doch gab es bisweilen schwächere Beben der Stärken 4 bis 6 - meist entlang des Rheingrabens, wo sich tektonische Sollbruchstellen befinden. Unter anderem aus diesem Grund wurde das ...

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          Zwar ist in Deutschland die Erdbebengefahr gering, doch gab es bisweilen schwächere Beben der Stärken 4 bis 6 - meist entlang des Rheingrabens, wo sich tektonische Sollbruchstellen befinden. Unter anderem aus diesem Grund wurde das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz nach zwei Jahren im Probebetrieb und nur 100 Tagen im Regelbetrieb im Jahr 1988 vom Netz genommen. Mülheim-Kärlich liegt im leicht erdbebengefährdeten Neuwieder Becken, einer Rheintalerweiterung zwischen den Städten Koblenz und Andernach. Auf erhöhte Aktivität der Erde an dieser Stelle weisen die Vulkane im Gebiet um Maria Laach hin; der Laacher-See-Vulkan brach zum letzten Mal vor etwa 13 000 Jahren aus.

          Bereits Ende der sechziger Jahre hatten die Planungen für ein Kernkraftwerk im Raum Koblenz begonnen; gebaut wurde die Anlage Mülheim-Kärlich von 1976 bis 1986. Die damalige rheinland-pfälzische Landesregierung unter Helmut Kohl (CDU) hatte das Projekt mit auf den Weg gebracht. Später fehlte die politische Unterstützung der seit 1991 regierenden SPD-Regierungen, zunächst unter Rudolf Scharping und seit 1994 unter Kurt Beck. Schon während der Bauzeit klagten Kommunen und Privatpersonen. Das Bundesverfassungsgericht entschied 1980, dass die friedliche Nutzung der Kernenergie mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Wegen der leicht erhöhten Erdbebengefahr am ursprünglich geplanten Standort wurde das Reaktorgebäude ohne neues Baugenehmigungsverfahren 70 Meter entfernt errichtet.

          Das war ein folgenreicher Fehler des Betreibers. Aufgrund eines neuerlichen Gerichtsurteils musste das Kernkraftwerk im September 1988 abgeschaltet werden. Die rheinland-pfälzische Landesregierung erteilte 1991 zwar eine veränderte Baugenehmigung, die vom Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz 1995 jedoch aufgehoben wurde. Diese Entscheidung bestätigte das Bundesverwaltungsgericht in Berlin 1998 in letzter Instanz. Nach Meinung des Gerichts hätten die Erkenntnisse über die Erdbebengefährdung ein vollständig neues Genehmigungsverfahren erfordert.

          In den folgenden Jahren wurde das Kernkraftwerk betriebsbereit gehalten und erst 2001 endgültig stillgelegt. Zeitweise arbeiteten dort 400 Menschen. Die Reststrommenge, die im Atomkonsens des Jahres 2000 für Mülheim-Kärlich ausgehandelt worden war, wurde auf andere Atomkraftwerke übertragen. Der Betreiber RWE hat etwa sieben Milliarden Mark in den Bau der Anlage investiert; der Abriss, der bis 2013 vollendet sein soll, kostet noch einmal gut ein Fünftel davon. (ura.)

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